Formell. Non-formal. Anders.

Ein wenig in der Freizeit am Auto rumgeschraubt und schon ausgebildeter KFZ-Mechatroniker_in? So einfach ist es nicht. Doch es gibt Wege informelle Qualifikationen anerkennen zu lassen.

Welche? Darüber diskutieren wir auf unserer Tagung

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Wendepunkt

Nächstes Jahr wird zum ersten Mal ein umfassendes, globales Abkommen über die Migration entwickelt – der Global Compact on Migration der UN.

Guy Ryder, Generaldirektor der Internationalen Arbeitsorganisation ILO, erläutert in seinem Kommentar im Forum Migration, warum das zu einem Wendepunkt für die Zukunft der Migration werden kann.

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Gnadenlos

In der EU wird das sogenannte Mobilitätspaket verhandelt. Die Stärkung des Sozialen  werde „gnadenlos der Liberalisierung des Binnenmarktes untergeordnet“, sagte DGB Vorstandsmitglied Stefan Körzell.

Was dahinter steckt? Hier mehr

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Einstellungssache

Sei können den Weg eines Kindes massiv beeinflussen: Lehrerinnen und Lehrer. Eine neue Studie brachte nun Überraschendes zu ihren Einstellungen zu Migrantinnen und Migranten zu Tage.

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Moralisches Unrecht

Ausbeutung bis hin zu sklavenähnlichen Verhältnissen - und das mitten in Europa. Was passiert, wenn die Betroffenen sich wehren: 

Forum Migration

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Monate der Ungewissheit

Die Zahl der Asylanträge von türkischen Staatsangehörigen steigt. Eine von ihnen ist die Generalsekretärin der türkischen Lehrergewerkschaft Egitim Sen, Sakine Yilmaz, die noch im Dezember letzten Jahres einen Gastbeitrag im Forum Migration schrieb.

Sie wartete Monate auf einen Entscheid. Nun liegt er vor.
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Der „Nafri“-Mythos: Kommentar von Dr. Andrea Kretschmann, Kriminologin

01.04.2017

Kommentar von Dr. Andrea Kretschmann
Kriminologin, Centre Marc Bloch, Humboldt-Universität Berlin 
 

Migration und Kriminalität scheinen, folgt man Medien und Politik, eng miteinander verflochten. Die Vorstellung, dass ‚Ausländer’ die deutsche Gesellschaft unsicherer machen würden – etwa durch Gewalt- und Sexualverbrechen oder Eigentumsdelikte – ist wesentlicher Bestandteil vieler Darstellungen um Asyl, Migration und Integration. Dass MigrantInnen „häufiger Straftaten als die Deutschen“ begehen, bejahen entsprechend einer ALLBUS-Umfrage aus 2006 45% der Bevölkerung. Aktuell wird dieser Zusammenhang in Debatten um Asylsuchende kolportiert. Diese sollen neben Eigentumsdelikten vor allem für sexuelle Übergriffe in der Silvesternacht 2015/16 in Köln verantwortlich sein. Die Folgen: In Teilen des öffentlichen Diskurses spricht man von „Rapefugees“ und die Koalition hat eine Gesetzesänderung auf den Weg gebracht, um straffällig gewordene Nichtdeutsche schneller ausweisen zu können. Meldungen der Polizei, dass vor allem MigrantInnen nordafrikanischer Herkunft die Übergriffe zu verantworten hätten, wurden auf gerichtlicher Ebene jedoch nicht bestätigt.

Für eine erhöhte Kriminalitätsrate unter Asylsuchenden gibt es insgesamt keine Anhaltspunkte, obwohl sie als Gruppe statistisch gesehen viele „kriminalitätserzeugende“ Merkmale aufweisen: Asylsuchende halten sich mangels geeigneter Privaträume viel in öffentlichen Räumen auf und sie setzen sich zu etwa einem Drittel aus jungen Männern zusammen – und sind damit mit jener Gruppe, bei der Kleindelikte allgemein am häufigsten vorkommen, stark vertreten.

Asylsuchende unterscheiden sich, zieht man die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) heran, in Hinblick auf Kriminalität nicht von anderen Menschen ohne deutschen Pass. Die Statistik weist zwar aus, dass 28% der Straftaten von 10% der nichtdeutschen Bevölkerung verübt werden. Jedoch weist sie einen Bias bezüglich ethnischer Herkunft auf, weil die PKS keine Straftaten zählt, sondern nur polizeiliche Anzeigen. Eine besonders hohe Anzeigebereitschaft der Bevölkerung gegenüber Nichtdeutschen und eine intensivere Tatverdachts- und Kontrollrealität für diese Personengruppe durch die Polizei spielen hier zusammen. Zudem können bestimmte Straftatbestände (z.B. die „unerlaubte Einreise“) aufgrund bestimmter Einschränkungen des Aufenthaltsgesetzes überhaupt nur Menschen mit ungesichertem Aufenthaltsstatus erfüllen. Nicht zuletzt gehören Nichtdeutsche häufig einkommensschwachen Soziallagen an und damit sozialen Gruppen, die statistisch gesehen öfter in der Kriminalstatistik auftauchen. Rechnet man diesen Faktor heraus, wird sichtbar, dass MigrantInnen in fast allen Deliktskategorien gesetzestreuer als Deutsche in vergleichbaren Soziallagen sind.

Der Zusammenhang von Staatsbürgerschaft und Kriminalität muss deshalb als Diskurs betrachtet werden, der in der Realität strukturell oft keine Entsprechung hat. Vielmehr bringen die erhöhte Anzeigebereitschaft der Bevölkerung und die polizeiliche Kontrollpraxis den Zusammenhang von Migration und Kriminalität ein ganzes Stück weit mit hervor. So weckt die erhöhte Anzahl polizeilicher Kontrollen von scheinbar ‚fremd’ aussehenden Personen im öffentlichen Raum in der Bevölkerung Assoziationen, dass diese etwas Kriminelles getan haben müssen; umgekehrt intensiviert sich etwa mit der aktuellen Rede über „Rapefugees“ – auch, um das subjektive Sicherheitsgefühl der Bevölkerung zu stärken – die polizeiliche Kontrolltätigkeit. Letztgenanntes lässt sich an der ‚Nachbearbeitung’ der Vorfälle von Köln veranschaulichen, bei der die Polizei im Folgejahr vor allem nordafrikanisch aussehende Männer kontrollierte – obwohl diese für die sexuellen Übergriffe in 2015/16 auf gerichtlicher Ebene nicht maßgeblich verantwortlich gemacht wurden. Der Öffentlichkeit teilte sie über Twitter mit, dass sie „Nafris“ („nordafrikanische Intensivtäter“) kontrolliere – und setzte damit Herkunft und TäterInnenschaft von vorn herein in eins. Allein schon, Menschen ungeachtet ihres Verhaltens aufgrund äußerlicher Merkmale zu kontrollieren, verstößt jedoch gegen den verfassungsrechtlichen Gleichheitsgrundsatz; als „racial profiling“ ist es rechtswidrig.

Auf institutioneller Ebene weiß die Polizei längst um die vergleichsweise geringe Kriminalitätsbelastung von Nichtdeutschen, darunter auch Asylsuchenden. Sie sollte ihre Kontrollpraxis deshalb der Faktenlage anpassen. Dies ist nicht nur aus Gründen der Gleichbehandlung geboten. Will die Polizei wirklich für ein Mehr an Sicherheit in der Gesellschaft sorgen, ist es der falsche Weg, auf das subjektive Sicherheitsgefühl der Bevölkerung anzuspielen, indem sie bevorzugt MigrantInnen kontrolliert. Dies löst Assoziationen, dass von Nichtdeutschen Gefahr ausgeht, nämlich nicht auf; es verschärft sie. 

Dr. Andrea Kretschmann

© Foto: Dr. Andrea Kretschmann 

Dieser Beitrag wurde der Publikation "Forum Migration April 2017" entnommen.