Obdachlose sollen ausreisen

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Wege aus der Informalität: Anerkennung informeller Qualifikationen

01.08.2017

Nehmen wir einen algerischen Bäcker. Jahrelang hat er in seinem Herkunftsland gebacken, eine formale Ausbildung aber hat er nicht, denn die gibt es dort nicht. Dann kommt er nach Deutschland. Hier ist der Bäckerberuf genau reglementiert. Was nützt dem Mann hier, dass er weiß, wie man backt? Seit zwei Jahren versucht das Projekt Valikom auch Antworten auf diese Frage zu entwickeln.

„Anerkennung nach dem Berufsqualifizierungsgesetz ist auf formale Qualifikationen beschränkt“, sagt Valikom-Geschäftsführer Andreas Oehme. „Wir machen uns um diejenigen Gedanken, die nur informelle Qualifikationen haben.“ Zielgruppe sind dabei nicht nur Migranten.

Auf drei Jahre ist das Projekt angelegt. Ziel ist es, Menschen, die praktische Berufserfahrungen haben, ein Zertifikat auszustellen, das ihre Kenntnisse belegt. Das ist nicht nur wichtig, wenn es um Fragen der tariflichen Eingruppierung, sondern etwa auch um Weiterbildung geht. 160 Kandidaten hat Valikom über Beratungsstellen der acht angeschlossenen Kammerbezirke identifiziert. Mit ihnen beginnt in den nächsten Monaten die Erprobungsphase für das Zertifizierungsverfahren. 2018 soll das Projekt abgeschlossen sein. Am Ende soll ein nationales Validierungssystem stehen, wie es das EU-Recht verlangt.

Zurück zum Beispiel mit dem algerischen Bäcker: In dem Verfahren, das Valikom entwickelt hat, wurde er von einer Anerkennungsberatung auf die Möglichkeit, Kosten und Nutzen eines solchen Zertifikats aufmerksam gemacht. Erachtet er dies für seine berufliche Laufbahn für sinnvoll, bekommt er einen so genannten Selbsteinschätzungsbogen. Diesen erarbeitet Valikom derzeit für die Berufsbilder der 160 Interessent_innen aus der Erprobungsphase. Weitere sollen folgen. Den füllt er begleitet von einem Berater oder einer Beraterin aus. Etwa zwei Stunden dauert dies. „Hier rechnen wir mit zwei Problemen”, sagt Oehme: „Die einen kreuzen zu wenig an, weil sie ihre Fertigkeiten zu niedrig einschätzen. Bei anderen ist es genau umgekehrt.“

Deshalb folgt als zweiter Schritt, etwa im Fall des Bäckers, ein Treffen des Antragstellers mit einem Bäckermeister. „Die würden dann ein Gespräch führen, bei dem der Meister dem Antragsteller erläutert, welche Anforderungen im Einzelnen hinter den angefragten Tätigkeiten im Selbsteinschätzungsbogen stecken.“ Das führe dann zu einer „realistischen Anpassung an das, was erwartet wird“, sagt Oehme.

Mit den so konsolidierten Angaben legt dann der Meister fest, welche Form der so genannten Fremdbewertung – der dritte Schritt – folgt. „Das kann etwa Probearbeit im Betrieb oder einem überbetrieblichen Bildungszentrum sein“, sagt Oehme, „ein Rollenspiel oder ein Fachgespräch”. Dieser Schritt sei identisch mit der Qualifikationsanalyse beim Anerkennungsgesetz. Die danach vom Prüfer formulierte Fremdbewertung wird dann gemeinsam mit der Selbsteinschätzung bei der Kammer eingereicht. Die stellt anschließend das Zertifikat über das Niveau der Kenntnisse aus. „Wenn die volle Gleichwertigkeit mit einem Abschluss nicht bescheinigt wird, sprechen wir Empfehlungen aus, wie sie erreicht werden kann“, sagt Oehme. Möglich wären dabei Arbeitstätigkeit oder Kurse bei Bildungsanbietern. Ob diese Zertifikate bei der tariflichen Bezahlung zwingend berücksichtigt werden müssen, „das ist Sache der Tarifpartner“, sagt Oehme.

www.validierungsverfahren.de 

Wege aus der Informalität diskutieren wir mit Expert_innen und Praktiker_innen auch auf unserer Tagung am 18.10.2017

Dieser Beitrag wurde der Publikation "Forum Migration August 2017" entnommen.