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Podiumsdiskussion

25.02.2003

Die Ausbildungssituation von Jugendlichen mit Migrationshintergrund wirft ganz verschiedene Fragen auf. Was läuft strukturell falsch? Wo liegen Verantwortungen? Und vor allem: Was kann und muss getan werden und wer muss die Initiative ergreifen?

Solche Fragestellungen beherrschen die abschließende Podiumsdiskussion. Zwei Diskussionsteilnehmer - beide mit Migrationshintergrund - wandten sich gegen eine pauschale Schuldzuweisung an das deutsche Schulsystem. Auch die Eltern haben die Pflicht, ihre Kinder zu unterstützen. Dies heißt zunächst einmal, dass sie ihnen die Muttersprache beibringen und zu nicht Hause ein Sprachengemisch gesprochen wird. Das ist die entscheidende Voraussetzung, dass sie dann auch Deutsch lernen. Wenn gesichert ist, dass die Muttersprache und auch die eigene Kultur an die Kinder weiter gegeben wird, kann man die Forderung an das Schulsystem bzw. den Staat richten die Unterstützung zu bieten, die nötig ist, damit die Kinder auch richtig Deutsch lernen.

Dagegen rührte sich deutlicher Widerspruch. Erstens sei es nicht so, dass die Erstsprache als Wert anerkannt und darauf aufbauend Deutsch gelernt wird. Es sei im Gegenteil so, dass unter Integration das Auslöschen der Erstsprache verstanden werde. Zweitens funktioniere die Schule nach wie vor als ein Selektionsmechanismus und nicht vorrangig als Institution, die fördert.

Unterstützt wurde diese Argumentation von einer Lehrerin für muttersprachlichen Unterricht aus Hessen. Sie verwies auf die Forschungsergebnisse vieler Wissenschaftler, die von institutioneller Diskriminierung in Bezug auf bestimmte soziale Schichten reden, was Einheimische und Ausländer und Ausländerinnen, vor allem Jugendliche in den allgemeinbildenden Schulen, betrifft. Was die Wertschätzung der Muttersprache angeht, ist Hessen das einzige Land, das den muttersprachlichen Unterricht als Pflicht eingeführt hat. Damit ist die Muttersprache versetzungsrelevant. Allerdings wird das durch die derzeitige Landesregierung zurückgefahren. Ein Beispiel dafür ist die Tatsache, dass Kinder ohne ausreichende Deutschkenntnisse von der Einschulung zurückgestellt werden. Denen wird also der Zugang zur elementaren schulischen Bildung verweigert.

Auf eine soziale Benachteiligung bei der Berufsausbildung, die in hohem Maße ausländische Jugendliche trifft, verwies ein anderer Diskussionsteilnehmer. Eine der dynamischen Branchen, was die Arbeitsplatzschaffung angeht ist das Gesundheitswesen. Viele Berufsausbildungen in diesem Bereich, die außerhalb des dualen Systems stattfinden, kosten aber Geld. Beispiele dafür sind Diätassistentin, medizinisch-technische Assistentin, Krankengymnastin, Logopäde. Wenn man aber davon ausgeht, dass die ganz große Mehrheit der ausländischen Bevölkerung aber den sozial schwächeren Schichten angehört, ist denen eine solche Ausbildung in der Praxis eigentlich nicht möglich.

Die Frage nach der mangelnden Motivation für eine Ausbildung durch das Entstehen einer Parallelgesellschaft warf ein weiterer Teilnehmer auf und knüpfte an seinen Erfahrungen in einer Satellitenstadt mit einer großen türkischen Wohnbevölkerung an. Die jungen Türken dort brauchen nicht Deutsch lernen. Ihre Freizeit verbringen sie in einem türkischen Jugendzentrum. Sie arbeiten in einer türkischen Werkstatt. Sie haben zwar eine deutsche Freundin, aber wenn sie heiraten wollen, suchen sie sich eine Frau in der Türkei.

Natürlich - so Kenan Kolat in einer Antwort - braucht man dort, wo es eine große türkische Community mit entsprechender Infrastruktur gibt, nicht Deutsch zu sprechen. Nur könne man ja weder die türkischen Geschäfte abschaffen oder deren Besitzer germanisieren. Mit Zwang ist da nichts zu machen. Im Übrigen sei das Beherrschen der deutschen Sprache nicht generell ein Indiz für Integration. In Berlin gebe es zum Beispiel ein Dutzend türkische Unternehmen mit mehreren Hundert Beschäftigten, deren Inhaber kaum Deutsch sprechen. Weil sie klug sind, haben sie einen deutschen Geschäftsführer eingestellt. Sie sind tüchtig und integer, sie zahlen Steuern und schaffen Arbeitsplätze. Die sind integriert, ohne Deutsch zu sprechen. Es müssen Wege gefunden werden, Anreize dafür zu schaffen, dass die Menschen sich eben nicht nur in der eigenen Community bewegen und dann auch sehen, wie wichtig es ist Deutsch zu lernen.

08 (Berufliche Qualifikation von Jugendlichen..)Auf den Fragenkomplex, wo Ansätze zum handeln sind, ging Günter Dickhausen ein. Das DGB Bildungswerk sei einer der herausragenden Akteure, was Schulung und Bildung von Betriebsräten und Personalräten im arbeitsrechtlichen Bereich anbelangt. Man werde bereden müssen, an welcher Stelle sinnvoller Weise in Betriebsräteund Personalräteseminaren verstärkt die Frage Ausbildungsplätze für Jugendliche mit Migrationshintergrund eingebaut werden kann und was die betrieblichen Interessenvertreter da leisten können.

Aber auch die andere Seite - so Günter Dickhausen - muss sich bewegen. Ein Ergebnis im Bündnis für Arbeit war, das Eingeständnis der Arbeitgeber, dass es notwendig ist, in Deutschland eine Teilzeitoffensive zu starten und Überstunden abzubauen. Passiert ist aber nichts. Von daher müssen die Gewerkschaften sehen, was nun letztlich aus dem Bündnis für Arbeit herausgekommen ist. In den vergangenen Jahren haben die Arbeitnehmer über ihre Gewerkschaften ihren Anteil erbracht. Die Lohnsteigerungen lagen unter den Steigerungen der Produktivität und unter den Steigerungen der Lebenshaltungskosten. Das haben die Gewerkschaften ganz bewusst gemacht. Und das war den eigenen Leuten gar nicht so einfach zu erklären. Die Gewerkschaften haben das als ihren Anteil einer gesamtgesellschaftlichen Aufgabe verstanden. Bei den Arbeitgebern allerdings ist nichts geschehen. Deshalb muss die Vorleistung der ArbeitnehmerInnen jetzt wieder ausgeglichen werden. Und was die Arbeitsplätze angeht, müssen die Arbeitgeber die offenen Stellen auch an die Arbeitsämter melden. Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt hat erst von 1,5 Millionen offenen Stellen geredet, dann von einer Million, Bei den Arbeitsämtern waren aber nur 500.000 gemeldet. Die können aber keine Stellen vermitteln, die nicht gemeldet sind.

Speziell auf die regional unterschiedliche Arbeitsmarktsituation der türkischen Jugendlichen ging in diesem Zusammenhang ein Diskussionsteilnehmer ein. Der Türkische Bund Berlin-Brandenburg sei als Interessenvertretung zwar sehr durchsetzungsfähig, allerdings in einer Stadt mit denkbar schlechten ökonomischen Voraussetzungen. In Köln, mit der hinter Berlin zweitgrößten türkischen Community, gebe es zum Beispiel immer noch die Ford-Werke. Wenn in Köln in einem Projekt eine Qualifizierung stattfindet, haben die Jugendlichen immer noch eine große Chance, dass sie bei Ford aufgenommen werden. Oder es gibt die Situation, dass der Vater eines Jugendlichen bei Ford arbeitet und über diese Netzwerke dafür sorgt, dass sein Sohn vielleicht auch bei Ford einen Arbeitsplatz bekommt. Solche Möglichkeiten bestehen in Berlin kaum noch. Denn über die Hälfte der Industriearbeitsplätze ist weggefallen. Für die Jugendlichen in Berlin ist es letztlich demotivierend, wenn sie mit Engagement eine Qualifizierung durchlaufen und dann keine Stelle finden. Eigentlich - so die Schlussfolgerung - seien die türkische Community und die Migrantinnen und Migranten insgesamt die größten Einheitsverlierer. Die meisten, die aus Westdeutschland kommen, könnten sich das gar nicht vorstellen.

Dem widersprach Peter Schafft. Die Situation der Jugendlichen mit Migrationshintergrund in Berlin ist ein in den neuen Bundesländern alle betreffendes Massenproblem. Eine Folge: In Thüringen wandern inzwischen Jugendliche in zweistelligen Prozentsätzen zu Ausbildungsverhältnissen in die alten Bundesländer ab. Der Grund dafür liegt in der Wirtschaftslage im Osten und im Strukturwandel, in dem in der Güterproduktion insgesamt Arbeitsplätze verloren gehen und vor allem auch Arbeitsplätze mit einfachen Qualifikationen. Insgesamt, so Schafft, sei das keine Entwicklung, die spezifisch Zuwanderer betrifft, sondern ein schichtenspezifisches Problem.

Eine Diskussion knüpfte noch einmal an der Frage des muttersprachlichen Unterrichts und dessen Versetzungsrelevanz an. Peter Schafft stellte in Zweifel, ob die Förderung als Regelunterricht sinnvoll sei. Wenn ein türkisches Kind mit einer Fünf in Türkisch nicht versetzt wird, fragt es sich natürlich, ob es gerecht sei, dass seinen deutschen MitschülerInnen das nicht passieren kann, weil die ja kein Türkisch lernen müssen. Es gehe - so Schafft - nicht um die Förderwürdigkeit des muttersprachlichen Unterrichts, sondern um die Frage Regelunterricht. In Berlin - so eine Antwort von Kenan Kolat - kann Türkisch als zweite Sprache als Abiturfach gewählt werden. Es ist damit auch versetzungsrelevant. Für türkischstämmige Schülerinnen und Schüler kann das ein Vorteil sein, weil sie so ihre Abiturnote verbessern können.

Kein Schlusswort - dies allein schon deshalb, weil die Sätze im Laufe der Diskussion fielen -, aber eine Vision formulierte Günter Dickhausen. Er finde es skandalös, dass Kinder mehr oder weniger Chancen haben, wenn sie in diese oder jene soziale Schicht hinein geboren werden, wenn sie in diese oder jene Ethnie hinein geboren werden und selbst, wenn sie in diesem oder jenem Bundesland auf die Welt kommen. Diese Kleinen können sich das nicht aussuchen, aber die Gewerkschaften und viele andere können und müssen sich darum bemühen, für sie Chancengleichheit herzustellen. Zumindest für die Gewerkschaften, so Dickhausen, könne er versichern, dass sie sich darum bemühen. Er nehme aber bewusst zur Kenntnis, dass er daran noch lange mitarbeiten muss.

 

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