Logo DGB Bildungswerk Logo Migration Online

Migration Online.

Bild: Kopfillustration mit dem Logo von Migration-Online und dem DGB Bildungswerk

Strategien und Perspektiven zur Gleichbehandlung von Jugendlichen mit Migrationshintergrund beim Zugang zur Ausbildung Vorstellungen der Handlungsakteure: IV

25.02.2003
Kenan Kolat, (Geschäftsführer des Türkischen Bundes in Berlin-Brandenburg)

Mein Thema ist mir vorgegeben worden: Wie integrieren wir in Berlin und Brandenburg die Deutschen in die türkische Gesellschaft? Ich denke, das ist eine wichtige Aufgabe. Die Integration muss gelöst werden.

In Berlin sind wir auf einem guten Weg. Das Problem liegt eher in Brandenburg, da wir da nicht so viele sind, dass wir die Deutschen integrieren können. In Kreuzberg sind wir gerade dabei, die Deutschen in die türkische Gesellschaft zu integrieren. Leider gibt es bei Deutschen Sprachschwierigkeiten, die können immer noch nur gebrochen Türkisch sprechen. Aber ich bin sicher, die werden das noch lernen. Eine Schwierigkeit haben wir auch bei den Arbeitsplätzen. In Berlin gibt es 5.500 türkische Unternehmen, der Anteil der deutschen Beschäftigten beträgt bei ihnen zur Zeit nur 20 Prozent. Wir werden diese Prozentzahl erhöhen, damit auch hier eine Gleichberechtigung zwischen Deutschen und Nichtdeutschen stattfindet. Das halte ich für eine sehr wichtige Frage, die uns in den nächsten Jahren beschäftigen wird.

Das hörte sich jetzt an wie eine Regierungserklärung. Aber ich will nicht von hier aus die Türkische Republik in Berlin ausrufen. Ein Paradigmenwechsel wäre aber, so denke ich, nicht schlecht. Davon ist ja im Zusammenhang mit dem Zuwanderungsgesetz viel die Rede. Wenn aber schon im ersten Paragrafen festgelegt ist, die Zuwanderung begrenzen zu wollen, kann ich den Paradigmenwechsel nicht erkennen. Deswegen hat der Türkische Bund als Dachverband das Zuwanderungsgesetz in dieser Form abgelehnt. Wir haben in Berlin auf die PDS Druck ausgeübt, dass sie diesem Gesetz nicht zustimmt. Die hat sich aber wie die Grünen wahrscheinlich dem Druck von oben gebeugt. Aber, wie der bayerische Ministerpräsident angekündigt hat, werden wir uns vor dem Verfassungsgericht wiedersehen. Wir werden uns mit dem Thema noch beschäftigen müssen.

Wenn man einen Paradigmenwechsel will, solle man damit beginnen, über Begrifflichkeiten nachzudenken. In der Bundesrepublik Deutschland leben 2,4 Millionen Menschen mit türkischem Hintergrund und 7,4 Millionen Menschen mit nichtdeutscher Staatsbürgerschaft insgesamt. Dazu kommt rund eine Million Menschen, die bereits eingebürgert worden sind. Für all diese Menschen muss man andere Begriffe finden. Ich habe auch keinen parat. Aber in den Betrieben solle man nicht mehr von ausländischen Kolleginnen und Kollegen sprechen. Das sind Kolleginnen und Kollegen wie alle anderen, ob sie nun zusätzlich noch Türkisch oder eine andere Sprache sprechen.

Bevor ich zu meinem eigentlichen Thema komme, möchte ich etwas zu der PISA-Studie sagen. Wir Türken nennen die PIZZA-Studie. Damit etwas in unseren Köpfen bleibt, muss es etwas Essbares sein, weil wir nämlich gerne essen. Wir haben in Berlin gemeinsam mit der Friedrich-Naumann-Stiftung eine Veranstaltung zur PISA-Studie gemacht und zwar in Zusammenhang mit den Themen Ausbildung und Arbeitsmarkt. Dabei ist mir eines aufgefallen: In der öffentlichen Diskussion in Deutschland heißt es immer, dass die türkischen Kinder nur türkisches Fernsehen gucken, nur noch Türkisch sprechen, nur noch türkische Freunde haben. Wenn man so diskutiert, müsste das ja irgendwelche Konsequenzen haben. Dann müsste der regierende Bürgermeister das türkische Radio wieder abschalten, obwohl er es gerade eröffnet hat. Das Beherrschen der Sprache ist natürlich ein Problem, das ist mir bewusst. Ich habe deshalb in der PISA-Studie noch einmal angesehen, wie andere Länder damit umgehen, etwa Dänemark, Schweden oder Holland. Hier wurde festgestellt, dass die türkischen Kinder zu Hause Türkisch sprechen und draußen die jeweilige Landessprache. Und das funktioniert. Die Bundesrepublik hat es offenbar nicht geschafft, den Kindern, die zu Hause ihre Muttersprache sprechen, Deutsch beizubringen. Hier muss man sich fragen, wieso das so ist und wo die Ursachen dafür liegen.

07 (Berufliche Qualifizierung von Jugendlichen....)Ein Argument ist es immer wieder, dass die türkischen Kinder keine Tagesstätten oder vorschulische Einrichtung besuchen und deshalb kein Deutsch können. In Berlin besuchen aber 93 Prozent der türkischen Kinder eine Kita oder vorschulische Einrichtung. Es muss also etwas anderes falsch laufen. Ich glaube, unsere Erzieherinnen und Erzieher sind gar nicht in der Lage, den türkischen Kindern oder nicht deutschsprachigen Kindern die deutsche Sprache beizubringen. Das können sie nicht, weil sie dafür nicht ausgebildet worden sind. Wir haben deshalb gesagt, dass die Erzieherausbildung sich verändern muss. In diesem Zusammenhang müssen auch die türkischen Eltern umdenken. Für sie ist die Kita eine Aufbewahrungsanstalt, keine Bildungseinrichtung. Und Erzieher heißen wörtlich übersetzt nicht Erzieher, sondern Aufpasser. Wir haben uns in Berlin dafür eingesetzt, dass die Erzieherinnen und Erzieher auch als solche gesehen werden. Dieser Paradigmenwechsel ist derzeit in der türkischen Gesellschaft im Gange. In den Koalitionsvereinbarungen des Senats ist zum Thema Bildung einiges festgelegt, was sehr gut ist. Und ich hoffe, dass ein paar Punkte davon umgesetzt werden. Zur Situation auf dem Arbeits- und Ausbildungsmarkt. Auf diesem Feld haben wir ein dramatisches Problem, das im Wesentlichen ein Unterschichtsproblem ist. Es handelt sich dabei um bildungsferne Schichten. Was die türkische Bevölkerung angeht, kann ich ein paar Zahlen nennen. Die Arbeitslosigkeit in der Bundesrepublik insgesamt liegt bekanntlich bei zehn Prozent. Bei den türkischen Staatsangehörigen beträgt sie bundesweit rund 23 Prozent. In Berlin gibt es im Vergleich dazu eine Arbeitslosenquote von 17 Prozent insgesamt, bei Türken 42 Prozent. Das heißt: fast jeder zweite Türke in Berlin ist arbeitslos. Das betrifft nicht nur ältere Berlinerinnen und Berliner türkischer Herkunft, sondern auch Jugendliche, insbesondere männliche Jugendliche. Bei den 16- bis 21-jährigen türkischen Jugendlichen beträgt die Arbeitslosenquote 52 Prozent. Das ist natürlich eine dramatische Zahl. Auf der anderen Seite hat sich die Situation bei den Schulabschlüssen in den letzten Jahren verbessert. 1980 verließen 50 Prozent aller türkischen Schülerinnen und Schüler die Schule ohne Abschluss, heute sind es 29 Prozent. 1980 machten zwei Prozent aller türkischen Schülerinnen und Schüler Abitur, heute 8,5 Prozent. Die Vergleichszahlen der deutschen Jugendlichen: Abitur 33 Prozent, ohne Abschluss zehn Prozent. Das ist also die umgekehrte Relation. Wenn ich die Kategorien ohne Abschluss, Hauptschul- und erweiterter Hauptschulabschluss zusammenzähle, dann fallen zwei Drittel aller türkischen Schülerinnen und Schüler Berlin darunter. Bei den Deutschen sind es 25 Prozent.

Wenn ich mir die Zahlen unter einem schichtenspezifischen Aspekt ansehe, stelle ich fest, dass die Türken nicht schlechter dastehen. Unter diesem Aspekt gehören 85 Prozent der Gruppe der unteren Arbeiterschicht an. Bei den Deutschen macht diese Gruppe 13 Prozent aus. Wenn man das vergleicht, schneiden die Türken von den Anteilen her nicht schlechter ab. Das Problem liegt in den absoluten Zahlen. Und so oder so besteht natürlich Handlungsbedarf.

Ein Problem besteht darin, dass den türkischen Eltern die Möglichkeit genommen wird, Vorbildfunktionen ausüben zu können. Traditionell richtete ein Vater an seinen Sohn die Erwartung, arbeiten zu gehen : „Geh du jetzt mal arbeiten, wie ich das auch tue.“ Das kann er jetzt nicht mehr sagen, weil er selber arbeitslos ist. Er kann auch nicht - wie das früher zumindest in kleinem Rahmen möglich war - seinen Arbeitsplatz an den Sohn weitergeben. Früher haben die Eltern bei Ford oder Siemens gearbeitet und ihre Kinder in die Ausbildung hineingebracht oder auf einen angelernten Arbeitsplatz. Diese Möglichkeiten sind weitgehend weggefallen. Und wenn die Kinder mit Arbeitslosigkeit aufwachsen, ist es schwer, sie zu einer Ausbildung zu bewegen, weil die Motivation gar nicht da ist.

An diesem Punkt haben wir vom Türkischen Bund zwei Projekte angesetzt. Die Institution, die das macht, heißt ZIBB, Zentrum für Interkulturelle Berufs- und Beschäftigungsförderung. Bei einem Projekt geht es darum, sich an arbeitslose Türken zu wenden und ihnen die Information zu geben, dass sie sich darüber beraten lassen können, wo und wie eine Umschulung oder Weiterbildung für sie möglich ist. Die werden dann auch zu den entsprechenden Stellen begleitet. Gleichzeitig wenden wir uns an türkische Unternehmer und sagen denen: „Du verdienst auch an uns Geld, jetzt musst du endlich auch ausbilden.“ Natürlich gibt es auch da Schwierigkeiten. Wir hören immer von den Zahlen der türkischen Unternehmen, die neu auf den Markt kommen. Weniger bekannt ist die Zahl der Betriebe, die wieder aufgeben müssen. Und das ist ungefähr die Hälfte. Aber unabhängig davon gibt es in Deutschland 50.000 türkische oder türkischstämmige Unternehmer, in Berlin sind es 5.500. In der Regel, nämlich zu 60 bis 70 Prozent sind das Familienunternehmen, die täglich 13 bis 17 Stunden arbeiten. Von den 5.500 Betrieben könnten rund 800 ausbilden. 200 von ihnen haben wir bis jetzt dazu gebracht, dass sie die Ausbildungsbefähigung gemacht haben und 45 bilden auch tatsächlich aus. Wie gesagt, da müssen wir noch mehr Deutsche integrieren, das habe ich nicht vergessen.

In einem Projekt im Rahmen des Jugendsofortprogramms der Bundesregierung haben wir eine Initiative zur Berufs- und Beschäftigungsmotivierung gestartet. Da geht es um Jugendliche, die sich gar nicht bei den Sozialämtern oder Arbeitsämtern angemeldet haben. Die gehen nicht einmal dahin. Die müssen erste einmal lernen, morgens um 8.00 Uhr aufzustehen und wenn sie Termine machen, diese auch einzuhalten. Zu 50 Prozent klappt das nicht, was auf unsere Telefonkosten durchschlägt. Wir müssen die Jugendlichen immer wieder anrufen, damit sie dann zu den Terminen kommen. Was wir machen, ist ein interkulturelles familienorientiertes Streetworking. Hinter diesem schönen deutschen Wort verbirgt sich das Bemühen, die Jugendlichen dazu zu bewegen, dass sie ihr Leben ernst nehmen. Unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter machen das sehr gut und engagieren sich sehr. Wichtig ist dabei die interkulturelle Kompetenz. In unseren Projekten arbeiten je zur Hälfte Frauen und Männer, und wiederum die Hälfte sind Deutschstämmige, die auch gut türkisch können. Es gibt aber auch andere Nationalitäten. Diese interkulturelle Öffnung ist auch für uns sehr wichtig. Denn wir denken ja, als Türken sind wir automatisch interkulturell kompetent. Dem ist aber nicht so, deswegen müssen wir auch lernen.
Dieses Projekt läuft insgesamt mit sehr guten Ergebnissen. Wir betreuen zur Zeit über 1.200 Jugendliche zwischen 16 und 23 Jahren. Ein Fünftel haben wir in eine Vorqualifizierungsmaßnahme hinein bekommen, etwa zehn Prozent haben wir sogar in den ersten Arbeitsmarkt hineingebracht.

Ein drittes Projekt ist entstanden im Rahmen der Interkulturellen Qualifizierungsmaßnahmen. Hier versuchen wir Sprachkompetenz zu heben, und zwar was die türkische Sprache angeht. Wenn Leute schlecht Deutsch sprechen, denken die meisten, sie können aber Türkisch. Das ist keineswegs der Fall. Wir haben jetzt erreicht, dass bei einem Arbeitsamt zum ersten Mal Türkisch als Modul der Ausbildung anerkannt worden ist. Es gibt also Türkisch als muttersprachliches Modul. Ich finde das sehr wichtig und nachahmenswert auch in anderen Bundesländern.

Demnächst fangen wir zum ersten Mal eine interkulturelle Trainingsmaßnahme nach Paragraph 48 SGB III an. Die bieten wir arbeitslosen Jugendlichen mit Migrationshintergrund zum ersten Mal von unserer Seite an. Das ist aufgeteilt in gesellschaftliche und berufliche Orientierung.

Ein letzter Punkt bezieht sich auf die Beschäftigung von Nichtdeutschen im öffentlichen Dienst. In Kreuzberg zum Beispiel sind 35 Prozent der Menschen nichtdeutscher, überwiegend türkischer, Herkunft. Im Bezirksamt arbeiten aber nur eine Handvoll Türkinnen und Türken. Wir sollten einmal darüber nachdenken, eine Quote im öffentlichen Dienst einzuführen. Die Frauen sind bei der Quotierung einen Schritt weiter. Die haben sich das „Gender-Mainstreaming“ erkämpft. Wir sollten in Berlin und in der Bundesrepublik Deutschland jetzt damit beginnen, ein „Migration-Mainstreaming“ zu diskutieren.

 

Allgemeine Information zu Migration Online