Strategien und Perspektiven zur Gleichbehandlung von Jugendlichen mit Migrationshintergrund beim Zugang zur Ausbildung Vorstellungen der Handlungsakteure: III
Bildung wird in unserer Gesellschaft immer wichtiger. Wer keine oder wer keine gute Ausbildung besitzt, wird an den Rand unserer Gesellschaft gedrängt. Umgekehrt gilt: Eine gute Ausbildung erleichtert die Eingliederung und die IG Metall hat dies auf einen treffenden Nenner gebracht: „Qualifikation ist Integration“. Ich denke, das ist der richtige Ansatz.
Wir brauchen nicht die Integration von Einzelnen in andere Gruppen, sondern eine Gesamtintegration unserer Gesellschaft. Wir müssen, wenn wir Einwanderungsland sind, das endlich begreifen und anerkennen. Und wir müssen uns auf den Weg machen und eine gemeinsame Integration aller hier lebenden Menschen entwickeln und pflegen. Über Amerika kann man vieles sagen. Wie überall gibt es da Positives und Negatives. Eines aber ist sicherlich anzuerkennen. In den USA leben mindestens 50 Nationen unterschiedlicher Herkunft, und sie haben ein gemeinsames Staatsbewusstsein entwickelt. Das genau ist der notwendige Weg, den wir in Deutschland gemeinsam gehen müssen. Integration unserer ausländischen Kolleginnen und Kollegen ist etwas, das wir uns nicht erst seit gestern auf die Fahnen schreiben. Doch ich möchte kritisch anmerken, dass wir möglicher Weise ein wenig spät angefangen haben, unsere Hausaufgaben zu machen. Seit der Anwerbung der ersten ausländischen Arbeitnehmer in den 60er Jahren hat sich in unserem Land viel verändert. Doch eines gilt immer noch: Wir haben Arbeitskräfte gerufen, weil wir sie brauchten und waren außerordentlich verblüfft und erstaunt, dass Menschen kamen. Das Staunen müsste eigentlich vorbei sein. Denn geblieben sind die Menschen, die wir damals geholt haben und heute noch holen. Unsere ausländischen Kollegen haben hier eine neue Heimat gefunden, Kinder und Enkelkinder bekommen. Es ist unsere gesellschaftliche Pflicht, ihnen einen gleichberechtigten Platz in dieser Gesellschaft zu bieten, notfalls auch zu erstreiten. Das gilt insbesondere für die Bildungsmöglichkeiten.
Wenn wir heute über die Bildungsgesellschaft reden, dann gehören dazu auch Kindergärten und Vorschulen. Denn wenn es in der Vorschule Benachteiligungen von Kindern mit Migrationshintergrund gibt, setzt sich das in der Schule fort. Kinder, die im Kindergarten sprachlich nicht ausreichend gefördert wurden, bekommen auch in vielen Grundschulen und weiterführenden Schulen nicht die Möglichkeit, diese Defizite aufzuholen. Gleichzeitig bedeutet das auch, Wissenspotential zu verschleudern. Eine Gesellschaft, die dieses Potential nicht nutzt, ist langfristig zum Scheitern verurteilt. Dies gilt insbesondere für ein Land wie die Bundesrepublik Deutschland. Denn das, was wir exportieren, werden immer weniger Stahl oder Endprodukte sein, sondern Wissen und Know How. Deshalb ist es unter anderem notwendig, dass in Deutschland - wie in vielen Nachbarländern bereits geschehen - Ganztagsschulen eingerichtet werden. Und es ist wichtig, die Qualität des Unterrichts zu verbessern, um Jugendlichen mit Migrationshintergrund bessere Chancen zu schaffen, das heißt muttersprachlichen Unterricht anzubieten, um ihr Sprachvermögen zu fördern. Dazu brauchen wir qualifiziertes pädagogisches Personal, eine mehrsprachige und interkulturelle Qualifizierung unserer Lehrerinnen und Lehrer.
Die PISA-Studie hat im vergangenen Jahr grundlegende Mängel im deutschen Bildungssystem offen gelegt. In diesem Zusammenhang wurden die besonderen Probleme von Jugendlichen mit Migrationshintergrund in der Studie angesprochen. Auffallend ist, dass in Deutschland die Schere zwischen MigrantInnen und Deutschen weit auseinander ging. Doch das liegt nicht daran, dass Migrantenkinder weniger intelligent sind, sondern an der mangelnden Förderung. Grundlegende Fähigkeiten werden bereits in der Vorschulerziehung erlernt. Doch in Deutschland ist die durchschnittliche Gruppengröße zum Beispiel im Elementarbereich 24 Kinder pro Erzieher bzw. Erzieherin.
Nur in ganz wenigen Entwicklungsländern ist die Quote noch schlechter. Schon auf der untersten Stufe unseres Bildungswesens wird so eine individuelle Förderung schwer oder unmöglich, die aber gerade Kinder von MigrantInnen benötigen. So wäre ein Schritt, kleinere Gruppen zu schaffen.
An dieser Stelle möchte ich anmerken, dass wir nicht über multikulturell sprechen, sondern über interkulturell. Deshalb ist es wichtig, dass Kinder von MigrantInnen in der Vorschulerziehung ihre Muttersprache ausbauen können. Denn nur wer seine Erstsprache beherrscht, wird eine zweite Sprache gut sprechen können. Wie sollen Kinder, die schon in Kindertagesstätten und Kindergärten nicht ausreichend gefördert wurden, in ihrem späteren Schul- und Ausbildungswerdegang mithalten können?
Im Bündnis für Arbeit ist es ein urgewerkschaftliches Thema, dass jeder junge Mensch, der kann und will, eine Ausbildung garantiert bekommt, um auch in diesem Bereich den Teufelskreis von Arbeitslosigkeit zu durchbrechen. Doch der Ausbildungskonsens wird von der Arbeitgeberseite nicht eingehalten. Es ist richtig, die Anzahl der Ausbildungsplätze erreicht fast die Zahl derer, die einen Ausbildungsplatz suchen, rein rechnerisch. Da gibt es allerdings Unterschiede. In Brandenburg findet man weniger Ausbildungsplätze, dafür mehr in Bayern oder in Niedersachsen. Aber die Menge ist nicht das Problem, sondern was das für Ausbildungsplätze sind. Hier möchte ich die Ausbildungsplätze im außerbetrieblichen Bereich nennen, also außerhalb des dualen Bildungssystems. Die sind zwar nicht schlecht, werden jedoch als minderwertiger betrachtet. Das ist das Problem. Die Arbeitgeber haben sich aus der Ausbildung verabschiedet und lassen sich diese vom Staat bezahlen.
Deshalb ist die Forderung der Gewerkschaftsjugend nach Umlagefinanzierung - wer nicht ausbildet, soll zahlen - der richtige Weg. Ob das nicht möglicher Weise dazu führt, was wir im Schwerbehindertenbereich schon haben, nämlich sich mit Zahlungen ein gutes Gewissen zu verschaffen und das Problem nicht löst, ist eine andere Frage. Mir ist es aber lieber, wenn wir sie zum Zahlen zwingen.
Ich halte es für falsch, die Ausbildungsplätze im außerbetrieblichen Bereich über die Steuer zu finanzieren, statt dessen sollte das über die Bundesanstalt für Arbeit geschehen. Denn die Unternehmen zahlen fast keine Steuern mehr. So hat Opel in Bochum in den letzten Jahren zwei Mal Steuern gezahlt. Die Beiträge zur Bundesanstalt für Arbeit müssen sie aber abführen. Also sind sie da wenigstens zu 50 Prozent mit im Boot. Man sollte das auch einmal unter diesem Gesichtspunkt überlegen.
Ich möchte einmal die Ursachen für die Ungleichbehandlung von Jugendlichen mit Migrationshintergrund beim Zugang zur Ausbildung und Beruf skizzieren. Immer wieder wird darauf verwiesen, dass viele oder viel zu viele ausländische Jugendliche nicht über die erforderlichen Schulabschlüsse verfügen. Fehlende Schulabschlüsse erschweren in der Tat den Einstieg in das Berufsleben. Das Risiko, das daraus erwächst, ist allerdings für deutsche und für ausländische Jugendliche unterschiedlich ausgeprägt. Nur etwa 30 Prozent der Deutschen ohne Hauptschulabschluss bleiben bis zum dreißigsten Lebensjahr ohne Ausbildung. Bei den Ausländerinnen und Ausländern ohne Hauptschulabschluss liegt die Quote derer, die mit dreißig keine Ausbildung haben, bei über 80 Prozent. Selbst mit erfolgreichen Schulabschlüssen ist es für jungendliche MigrantInnen deutlich schwieriger, eine Ausbildung abzuschließen. Während nur fünf Prozent der deutschen Jugendlichen mit mittlerer Reife ohne eine Berufsausbildung bleiben, sind es über 18 Prozent bei den ausländischen Jugendlichen. Und auch bei Abiturienten setzt sich dieser Trend fort. So ist es leider kein großer Trost, dass sich die schulische Vorqualifikation der Jugendlichen mit ausländischem Pass in den letzten Jahrzehnten verbessert hat. Rund 48 Prozent der ausländischen Schulabgänger hat mittlerweile mindestens die mittlere Reife.
Leider lässt sich immer noch feststellen, dass nicht alle MigrantInnen die Wichtigkeit einer guten schulischen und beruflichen Ausbildung für ihre Kinder erkannt haben, was es auch unter Deutschen gibt. Auch da muss man offen miteinander reden. Auch darf man nicht jene ausländischen Jugendlichen vergessen, denen der Zugang zur beruflichen Ausbildung bislang gänzlich verwehrt wurde, weil ausländer- oder arbeitsrechtliche Hürden im Weg standen. So haben bis heute minderjährige Flüchtlinge, die lediglich über eine Duldung verfügen, keinen Zugang zur beruflichen Ausbildung. Neben den individuellen Faktoren, die den Zugang zur Ausbildung erschweren, wird häufig vergessen, dass auch und gerade strukturelle Gründe Ursache für die prekäre Ausbildungssituation ausländischer Jugendlicher sind. So ist die schlechte Gesamtsituation auf dem Ausbildungs- und Arbeitsmarkt oft eher ausschlaggebend als die möglichen individuellen Defizite.
Daneben lässt sich nach wie vor feststellen, dass Migrantinnen und Migranten häufig in Branchen tätig sind, in denen die Arbeit besonders schwer, besonders dreckig ist und besonders schlecht bezahlt wird. Aus solchen Arbeitsplätzen ist das Risiko arbeitslos zu werden, besonders hoch. Das ist keine neue Erkenntnis, man konnte das schon bei Günter Walraff nachlesen. Das gilt es, zu ändern. Es ist ärgerlich, dass gerade in einem Bereich, wo dies am leichtesten durchsetzbar zu sein scheint, nämlich im öffentlichen Dienst und in der Verwaltung, der Anteil von Migrantinnen und Migranten ausgesprochen niedrig ist. Hier ist die Politik gefordert, ein Zeichen zu setzen. Deshalb habe ich eingangs von einem Paradigmenwechsel gesprochen. Wir sind auf dem Weg in eine anders gestaltete Gesellschaft. Es muss einer der weiteren Schritte sein, dass auch die öffentliche Verwaltung hier ihrer Verpflichtung nachkommt und ihren Teil zur Integration der Gesellschaft beiträgt.
Nicht zuletzt spielt beim Zugang zur Ausbildung auch das Auswahlverfahren der Betriebe eine entscheidende Rolle. Wenn wir feststellen, dass bei der Vergabe eines Ausbildungsplatzes Jugendliche mit Migrationshintergrund bei gleicher Qualifikation nicht zum Zuge kommen, drängt sich der Verdacht auf, dass nicht nur sachliche und rationale Kriterien entscheidend sind. Dann muss man davon ausgehen, dass auch Vorurteile bei der Auswahl eine Rolle spielen. Wir dürfen es nicht bei der Analyse belassen. Da müssen der DGB und die Gewerkschaften mit BetriebsrätInnen und PersonalrätInnen, die in den Betrieben und Verwaltungen an diesem Auswahlverfahren beteiligt sind, reden und darauf hinweisen, dass sie sich mit diesen Kriterien auseinandersetzen.
Die Motivation zur Aufnahme einer beruflichen Ausbildung muss gefördert werden. Das gilt auch für Mädchen und junge Frauen. Wir brauchen alsbald jede und jeden, wenn diese Gesellschaft noch funktionsfähig bleiben soll. Informationsbedürfnisse sind in dieser Zielgruppe sicherlich besonders hoch. Da braucht es gezielte Beratung. Und nicht nur bei den Jugendlichen, sondern auch bei ihren Eltern, Aufklärung darüber, was eine Ausbildung wert ist, was sie bedeutet und wohin sie führt. Es muss auch klar sein, dass diejenigen, die mit den Händen arbeiten, für diese Gesellschaft genauso wertvoll sind, wie diejenigen, die mit dem Kopf arbeiten. Unsere Gesellschaft kann es sich nicht leisten, solche Unterschiede zu machen. Das ist fahrlässig. Denn zur Funktion unserer Gesellschaft gehört auch das Handwerk.
Um noch einmal kurz zusammen zu fassen: Ohne eine breite Investition, Qualifikation und ohne die Integrationsprozesse in dieser Gesellschaft wird es für uns schwierig. Diese Gesellschaft wird, wenn wir das nicht schaffen, nachhaltig beschädigt. Die Förderung von Jugendlichen mit Migrationshintergrund beim Zugang zur Ausbildung, im Zweifel auch durch ihre positive Diskriminierung, ist nicht nur für die Jugendlichen selbst, sondern für uns alle wichtig. Das ist eine Aufgabe der Gewerkschaften, der Politik, der Migrationsverbände und Arbeitgeber. Wir als Gewerkschafter tragen unseren Teil dazu bei, in der Erkenntnis, dass nicht immer alles rundum gelungen war, was wir bisher geleistet haben. Das können wir allerdings für die Zukunft auch nicht versprechen, weil auch bei Gewerkschaften werkeln nur Menschen.
