Forum 3: Nachfragen und Diskussion
In diesem Zusammenhang können die Zahlen der Bundesanstalt für Arbeit nur einen Trend beschreiben, weil darin nur die AusländerInnen erfasst sind. Diskriminierung und Ungleichbehandlung hört aber nicht auf, wenn jemand die deutsche Staatsbürgerschaft annimmt und sie hört auch für Aussiedler nicht auf, die ja deutsche Staatsbürger sind.
Auf ein bekanntes Phänomen, das nach wie vor zu beobachten ist, verwies ein Betriebsratratsmitglied. Wenn sich zehn Jugendliche -Deutsche und Nichtdeutsche - auf einen Ausbildungsplatz bewerben, bekommt letztlich ein Deutscher den Zuschlag, auch wenn die Leistungen der Jugendlichen mit Migrationshintergrund genauso gut sind. Aus dieser Beobachtung leitete der Diskussionsteilnehmer zwei Schlüsse ab. Erstens sollten die Betriebsräte sich in der Frage der Auswahl stärker einschalten. Die Bewerbungen gehen schließlich auch über ihren Schreibtisch und sie sind beim Vorstellungsgespräch anwesend. Hier sollten die Betriebsräte in höherem Maße verantwortlich handeln, als sie das jetzt zumeist tun. Zweitens: Wenn junge Menschen die Erfahrung machen, dass sie in die Berufe, die sie anstreben nicht hinein kommen und dies ihren Altersgenossen und jüngeren Geschwistern vermitteln, wächst in dieser Gruppe die Gefahr, dass bestimmte Berufe nicht in Betracht kommen. Deshalb sei eine Aufstellung mit Berufspräferenzen junger Ausländer-Innen möglicher Weise auch dadurch geprägt, dass sie sowieso das nehmen müssen, was ihnen angeboten wird.
Auf die Liste der häufigsten Berufswünsche ging auch ein anderer Diskussionsteilnehmer in ähnlicher Weise ein. Er hält es für ein gesellschaftliches Phänomen, dass Jugendliche mit Migrationshintergrund wirklich attraktive Berufe, die angesehen sind und mit denen sich ein gutes Auskommen verdienen lässt, nicht bevorzugen. Auch er sieht als Hintergrund die gemachten Erfahrungen von Jugendlichen, Erfahrungen, die oft von den Betroffenen verinnerlicht werden. Da, wo die Jugendlichen nicht auf Grund von eingefahrenen Vorurteilen nicht in einen Beruf gelangen, sondern wegen bestimmter Defizite, sollte nicht vorschnell den Betroffenen selbst die Schuld zugeschoben werden. Das Erziehungssystem ist aus dieser Sicht nicht darauf ausgerichtet, auf die speziellen Voraussetzungen dieser Jugendlichen eingehen zu können. Die Tatsache, dass Jugendliche mit Migrationshintergrund eben keine wirklich attraktiven Berufe anstreben, zeige sich besonders bei den Mädchen. Die fünf meist genannten Berufe haben das gemeinsame Merkmal, dass deren Einkommen nicht ausreichen ein Auto zu finanzieren, geschweige denn eine Wohnung. Den Mädchen bleibe so gar nichts anderes übrig, als zu heiraten.
Ein anderer Diskussionsteilnehmer sah das genau anders herum. Angesichts der Tatsache, dass Mädchen mit Migrationshintergrund deutlich bessere schulische Leistungen erbringen als Jungen, prognostizierte er, dass sie sehr bald häufiger in qualifizierten Berufen arbeiten werden. Dann aber bliebe den jungen Männern nichts anderes übrig, als zu heiraten, und zwar diese jungen Frauen.
Eine weitere Ergänzung zu diesem Bereich bezog sich darauf, dass es bestimmte Berufe gibt, deren Attraktivität für Deutsche sinkt, und dann AusländerInnen nachrücken. Ein Beispiel dafür ist Busfahrer. Vor wenigen Jahren gab es kaum ausländische Busfahrer. Das Interesse von Deutschen an diesem Beruf ist aber gesunken und deshalb sehe - so das Argument - man heute viele AusländerInnen in diesem Beruf. Das werde sich sicher bald auch auf die Liste der Berufswünsche auswirken.
Über weitere Erfahrungen von Jugendlichen mit Migrationshintergrund berichteten auch andere TeilnehmerInnen des Forums. Die Mitarbeiterin eines Sozialamts etwa erlebt immer wieder Fälle, in denen sie Jugendlichen hilft über das Arbeitsamt eine Ausbildungsstelle zu finden. Die landen dann in einer Maßnahme, aber nicht in einer regulären Ausbildung. Sie belasten dann erst einmal nicht mehr die Statistik, aber sechs oder zwölf Monaten kommen sie wieder zu ihr, weil sich nichts wirklich geändert hat. Es müsse sehr viel mehr Beratung geben, weil diese Jugendlichen nicht die Unterstützung in der Familie haben können wie ihre deutsche AltersgenossInnen.
Ein Diskussionsteilnehmer, der an einer berufsbildenden Schule arbeitet, berichtete von einem drastischen Rückgang ausländischer Azubis bei Opel in Rüsselsheim. Interessanter Weise fällt der Beginn des Rückgangs mit der Einführung eines neuen Einstellungstests zusammen. Hinzu kommt: Von den weniger gewordenen ausländischen Azubis sind einige die Besten ihrer Klasse, die absolvieren nur eine Ausbildung, um danach zu studieren. Die hätten natürlich auch gleich an die Hochschule gehen können.
Beim Thema Berufsspektrum für Jugendliche mit Migrationshintergrund wandte sich Friedrich Scheerer in einer Antwort dagegen, Berufe nach einer Wertigkeit einzuteilen. So gibt es das Argument, dass junge MigrantInnen gerade in den Sektoren deutlich unterrepräsentiert sind, die eine hohe Arbeitsplatzsicherheit bieten, bei Banken, Versicherungen, im IT-Sektor und im öffentlichen Dienst. Die Entwicklung der letzten Monate zeige aber - so Scheerer -, dass im Banken- und Kreditgewerbe eine große Konzentrationswelle abläuft und Entlassugen stattfinden. Daneben zeigt die Krise des neuen Marktes, dass der IT-Sektor auch nicht nur sichere Beschäftigung bietet. Und was den öffentlichen Dienst angeht, finden nach wie vor Privatisierungen statt, die auch einen Arbeitsplatzabbau nach sich ziehen. Und die Haushaltslage der Gemeinden schafft auch für den öffentlichen Dienst eine schwierige Situation. In Schwäbisch Hall zum Beispiel zahlt die dort ansässige Bausparkasse in den nächsten drei Jahre keine Gewerbesteuer. Das Ergebnis: Die Stadtverwaltung hat eine Vermittlungsbörse eingerichtet, um Bedienstete in umliegende Gemeinden weiterzuvermitteln. Es gebe, so die Schlussfolgerung Scheerers - keine sicheren Bereiche mehr, weil es überall Tendenzen zur strukturellen Veränderung und Verschlankung gibt. Sein Wunsch ist es, dass die ausländischen Jugendlichen in der ganzen Breite der 350 Ausbildungsberufe anteilig vertreten sind und auch die anderen Qualifikationsmöglichkeiten nutzen, die es im berufsschulischen Bereich gibt, an den Berufsakademien, den Fachhochschule oder Hochschulen.
Verbessern kann sich die Situation für junge AusländerInnen dadurch, dass ab 2007 die Zahl der SchulabgängerInnen in Deutschland weit zurückgehen werden. Deshalb sollten die Unternehmen jetzt schon mehr ausbilden, um einen möglichen Fachkräftemangel zu vermeiden. In München zum Beispiel können schon heute die Hälfte der angebotenen Ausbildungsplätze nicht besetzt werden. Dort gibt es inzwischen Hauptschüler, die wieder den Beruf des Bankkaufmanns lernen. Die Marktsituation wird auch anderswo die Betriebe zwingen, ihre Einstellungspolitik zu verändern.
Was die aktuelle Einstellungspolitik der Unternehmen gegenüber Jugendlichen mit Migrationshintergrund angeht, können die Betriebe nicht gezwungen werden. Ein Ausbildungsverhältnis wird vertraglich zwischen dem Betrieb und einem Jugendlichen beziehungsweise dessen Erziehungsberechtigten begründet. In die hier bestehende Vertragsfreiheit kann nicht eingegriffen werden. Eine Quotierung wie beim Schwerbehindertengesetz existiert nicht. Die einzige Möglichkeit auch Sicht von Scheerer ist es, Überzeugungsarbeit zu leisten.
Der von Friedrich Scheerer verbreitete Optimismus, dass zumindest mittelfristig die Ausbildungssituation sich zwangsläufig ändern muss, wurde ein wenig konterkariert durch die Beobachtung aktueller Trends. In Hamburg zum Beispiel - dies berichtete ein Mitglied der Prüfungskommission der Industrie- und Handelskammer - sollten in einem Unternehmen 16 Ausbildungsplätze für Spannungsmechaniker besetzt werden. Es gab rund 100 Bewerbungen, aber nur fünf wurden genommen. Die anderen entsprachen nach Auskunft des Unternehmens nicht den Anforderungen. Dies - so der Diskussionsteilnehmer - könne ja wohl nicht sein, dass alle anderen zu dumm sind, den Beruf zu erlernen. Es sei aber wohl Methode, nur die Allerbesten zu nehmen. Ein anderes Unternehmen hat gleichzeitig die Ausbildung zum Spannungsmechaniker am Hamburger Standort abgeschafft.
Dagegen, dass kleine Firmen die nötigen Ausbildungsplätze in gleicher Qualität zur Verfügung stellen können, wurden Bedenken formuliert. Wenn etwa dafür geworben werde, dass ausländische Betriebe ausbilden sollen, muss auch deren Situation bedacht werden. Da gibt es vielleicht einen Meister, und der ist überlastet. Der kann sich nicht genügend um einen Auszubildenden kümmern. Diesese Model funktioniere nur mit berufsbegleitenden Maßnahmen. Da aber ist in Hamburg einiges herunter gefahren worden.
Eine andere Beobachtung der aktuellen Einstellungspolitik schilderte ein Gewerkschafter, der auch kommunalpolitisch tätig ist. Als er im Haushaltsplan feststellte, dass keine Ausbildungsplätze in der Verwaltung vorgesehen waren, fragte er nach. Die Auskunft des Bürgermeisters: Da die Auszubildenden nach der Lehre nicht übernommen werden könnten, werden erst gar keine eingestellt.
Um die Chancen für Jugendliche mit Migrationshintergrund zu erhöhen, wurde von einem Teilnehmer vorgeschlagen, ein Quotensystem einzuführen. Er verwies dabei auf die USA, wo das etwa an den Hochschulen gut funktioniere.
In eine ähnliche Richtung ging der Vorschlag, Maßnahmeträgern, die keine Beschäftigten mit Migrationshintergrund haben, vom Zugang zu Drittmitteln auszuschließen.
Eine Quote an Universitäten - so Friedrich Scheerer - sei wahrscheinlich gar nicht nötig, da in Deutschland die Zahl ausländischer Studierender steigt. Das liege sicher auch daran, dass Hochqualifizierte flexibler sind. Zielgruppe der Arbeitsämter sind aber die Schwächeren, jene mit schlechten Startchancen. Sie müssen in eine Ausbildung gelangen können. Das Arbeitsamt oder die Kommune kann aber keinen Betrieb zwingen, bestimmte Leute einzustellen, das geht nicht. Das ist eine Entscheidung des Unternehmers.
Möglich ist es aber bei den Unternehmen zu werben. Im Jahr 2001 wurde ein Versuch begonnen, bei dem Siemens in der Ausbildungswerkstatt in Stuttgart fünf Auszubildende - davon zwei Russlanddeutsche -eingestellt hat, die normaler Weise nicht genommen worden wären. Die lernen jetzt den Beruf des IT-Systemelektronikers. Dafür ist ansonsten ein mittlerer Bildungsabschluss nötig. An diesem Beispiel wird erprobt, ob Ausbilder und Berufsschullehrer, die auch einbezogen sind, es schaffen, diesen fünf Jugendlichen eine Ausbildung so zu vermitteln, dass sie den Berufsabschluss schaffen. Das erste Zwischenergebnis nach einem halben Jahr war nicht wesentlich schlechter als bei den anderen.
In Bezug auf die Mittelvergabe hält auch Scheerer es für nicht haltbar, wenn sich ein Bildungsträger um eine Maßnahme für AusländerInnen bewirbt, aber keine beschäftigt. Es gibt aber auch ganz andere Beispiele, etwa KAUSA. Beim bestehenden Vergaberecht ist es aber schwierig, bei den negativen Beispielen Mittel zu verweigern. Die Bundesanstalt hat bei der Politik angeregt, öffentliche Aufträge nur an Unternehmen zu vergeben, die ausbilden. Die Begründung war, dass ein Unternehmen, das einen öffentlichen Auftrag bekommt, auch seiner sozialen Verantwortung nachkommen muss. Dieses ist aus rechtlichen Gründen abgelehnt worden. Es gilt nach wie vor der Grundsatz, dass der wirtschaftlichste Bieter den Zuschlag erhält. Wenn man das ändern will, muss die Politik reagieren.
Der Verweis auf die Politik spielte auch in einem anderen Zusammenhang eine Rolle. Ein Straßensozialarbeiter, der mit sozial schwächeren und sozial benachteiligten Jugendlichen, etwa mit Schulverweigerern beklagte, dass das Arbeitsamt kein spezifisches Projekt auflegt, um an diese junge Menschen heranzukommen. Deren Tag beginnt oft erst mittags, und dann machen sie die Nacht durch. Da helfe kein Berufsvorbereitungslehrgang. Wenn sie da hinein gesteckt würden, sind sie nach drei Tagen wieder weg.
Für diese jungen Menschen gibt es in der Tat für das Arbeitsamt wenig Möglichkeiten zu helfen, bestätigte Scheerer. Die Bundesanstalt für Arbeit hat einen gesetzlich definierten Aufgabenkreis und kann nur das unterstützen und fördern, was der Gesetzgeber erlaubt. Insofern sind viele Projekte, die eigentlich schon in der Schule oder im sozialen Bereich ansetzen müssten, nicht förderbar durch die Bundesanstalt für Arbeit. Solche Forderungen müssen also an die Politik, speziell die Sozialpolitik gerichtet werden. Prinzipiell aber - so Scheerer - sei es richtig, die jungen Leute, die draußen vor stehen, dort abholen zu müssen, wo sie sind. Dafür gibt es auch Beispiele in der Jugendsozialarbeit, Straßensozialarbeit, etwa Internet-Cafés, wo junge Leute angesprochen werden und versucht wird, die Hemmschwelle, die eine Tür zum Arbeitsamt darstellt, zu umgehen.
Den Grund, warum die Aufgabe, allen Bildung zu vermitteln, fasste Friedrich Scheerer mit einem Satz eines chinesischen Philosophen zusammen, der in vierten christliche Jahrhundert lebte: „Willst du für ein Jahr vorsorgen, dann baue Reis an. Willst du für zehn Jahre vorsorgen, dann pflanze einen Baum. Willst du für hundert Jahre vorsorgen, dann bilde Menschen“.
