Forum 2: Nachfragen und Diskussion
In Dortmund zum Beispiel hat die IG Metall gemeinsam mit DGB, IHK und Arbeitgebern in einer Schule mit hohem Ausländeranteil mehrfach über Berufsausbildung - warum sie wichtig ist, wie sie funktioniert und so weiter - in Veranstaltungen informiert. Das war bislang noch nicht sehr erfolgreich, aber man will dran bleiben. So ist ein Tag der Berufe als Informationsveranstaltung in einer Schule geplant. Daneben versucht die IG Metall über ihre Betriebsräte Kontakte zwischen den Schulen und den Ausbildungsbetrieben herzustellen.
Ein Beispiel für das Funktionieren solcher Kontakte findet sich im bayerischen Schweinfurt. Da hält der Auto-Zulieferer Sachs-Mannesmann seit Jahren auf Betreiben des Ausbildungsleiters ganz bewusst Kontakt zu Schulen in Einzugsgebieten mit hohem Ausländeranteil. Die Jugendlichen kommen in den Ferien für zwei Wochen in den Betrieb, machen eine Schnupperlehre oder ein Praktikum. Das hat zur Folge, dass die jungen Leute betriebliche Abläufe kennenlernen und vor allem, dass in den Familien über die Arbeit im Betrieb und über Ausbildung diskutiert wird. Hier wird eine Verbindung zwischen einem Ausbildungsbetrieb und künftigen Azubis hergestellt und darüber werden auch die Eltern erreicht.
Wenn die Eltern erreicht werden sollen - so ein anderer Hinweis - muss dies auch in deren Erstsprache geschehen. Deshalb veröffentlicht die IG Bergbau, Chemie, Energie nach wie vor Informationen in verschiedenen Sprachen und macht damit gute Erfahrungen. In der Tat ist es ja ein Widerspruch in sich, wenn dafür geworben wird, Deutsch zu lernen und dies auf Deutsch geschieht. Hinzu kommt, dass man Vertrauen erwerben muss, wenn man die Eltern erreichen will. Und das geht besser, wenn sie in ihrer Muttersprache angesprochen werden.
Eine Idee, die es wert wäre, umgesetzt zu werden, ist die Einführung eines speziellen Berufsvorbereitungsjahrs, in dem nicht ein festes Programm abgespult wird, sondern wo die Defizite der Einzelnen gezielt ausgeglichen werden. Es geht also nicht darum, zu sagen: drei Monate Sprachkurs, dann zwei Monate Praktikum in dem und dem Bereich und so weiter. Es kann ja sehr gut sein, dass ein Betroffener nur einen Monat Sprachkurs braucht oder gar keinen. Das Vorbereitungsjahr muss sich daran orientieren, wo gefördert werden muss. Es kann genauso gut sein, dass einige keine Vorbereitung brauchen, weil sie nur in einem Punkt Schwächen haben. Die können dann sofort in die Ausbildung gehen und werden durch einen ergänzenden Unterricht in diesem Punkt gefördert. Ein Beispiel dafür, wie ein bestehendes Förderprogramm genutzt werden kann, bietet die Deutschen Post AG. Im Rahmen von Jump werden Jugendliche gefördert, die keinen oder einen schlechten Schulabschluss haben und keine Ausbildungsstelle finden. Diese leisten für ein Dreivierteljahr ein Praktikum, zu einer Hälfte im Betrieb, zur anderen als Unterricht. Wenn sie das mit befriedigend abschließen, haben sie die Garantie auf einen Ausbildungsplatz. Ob sie nach der Ausbildung übernommen werden, ist eine andere Frage. Aber erst einmal sind sie von der Straße.
Für die Schwierigkeiten beim Versuch an die Eltern heranzukommen - so ein Fazit einer Diskussionsteilnehmerin -, müsse gesehen werden, dass es dabei nicht allein um sprachliche Schwierigkeiten geht, sondern auch um strukturelle Hemmnisse. Alle, die neu zuwandern, kommen mit den Kenntnissen über das Bildungssystem, das sie aus ihrer Heimat kennen. Und die Bildungssysteme in Europa sind überall verschieden. Es wäre vielleicht sinnvoll zu versuchen, zumindest in der EU, die Systeme etwas kompatibel zu machen. Das ist natürlich schwierig, weil sie einer langen historischen Tradition entspringen. Die Tatsache, dass es bei der gegenseitigen Anerkennung von Berufsabschlüssen große Fortschritte gegeben habe, könne durchaus Mut machen, dies zu versuchen.
Ein anderer knapper Diskussionspunkt bezog sich auf die speziellen Fähigkeiten von jungen MigrantInnen, die mit ihrer Situation zu tun haben. Eine Teilnehmerin erinnerte an die Weiterbildung von portugiesischen und spanischen jungen ArbeitnehmerInnen, die in Deutschland aufgewachsen sind und hier ihre Ausbildung gemacht haben. Diese Qualifizierung setzt an deren sprachlichen Fähigkeiten und Kenntnis zweier Kulturen an und macht sie für den Beruf nutzbar. Das - so der Vorschlag - sollte systematischer auch für andere Nationalitäten geschehen. Und es wäre gut, wenn in den Bewerbungstrainings gelernt wird, diese interkulturellen Kompetenzen als Qualifikation zu benennen.
Eine Differenz tauchte in der Diskussion bei der Nutzung anderer vorhandener Kompetenzen auf. So verwies Senol Ünlü darauf, dass die REWAG gemeinsam mit der Arbeiterwohlfahrt junge Frauen dabei unterstützt den Ausbildungsberuf Hauswirtschafterin zu erlernen. Das sind zumeist Frauen, die durch Heirat eingewandert sind und keinen beruflichen Abschluss haben. Die können aber einen Haushalt regeln, und wenn das zu einem Beruf werden kann, soll das genutzt werden.
Es sei eher eine Aufgabe, genau das zu überwinden - so eine Anmerkung dazu -, dass Frauen in typische „Frauenberufe“ abgeschoben werden, die keine oder bestenfalls geringe Aussichten auf berufliches Fortkommen bieten. Mit dieser Strategie kämen Frauen wieder in ein gering qualifiziertes Ghetto.
Eine - wenn auch keineswegs optimistisch stimmende - Antwort auf diese Kontroverse bietet die Realität. Trotz Abschluss bekommen diese Frauen nur sehr schwer eine Anstellung, weil sie meist nicht sehr gut Deutsch sprechen oder ein Kopftuch tragen. Sie werden also nicht in einen „Frauenberuf“ abgeschoben, sondern an den heimischen Herd, wo sie dann das Gelernte anwenden können.
Auf ein gänzlich anderes Problem verwies ein Mitarbeiter des Caritasverbands für das Bistum Magdeburg. Er betreut unter anderem MigrantInnen, die als anerkannte Flüchtlinge im Land bleiben. Er registriert bei ihnen eine große Nachfrage an Deutschunterricht, hat allerdings das Problem der Finanzierung. Das gemeinsame Überlegen in der Diskussionsrunde führte zu keinem Ergebnis. Die nahe liegende Idee Sprachverband führte nicht weiter, da die Voraussetzung hier der Arbeitnehmerstatus ist, ebenso wenig andere Ansätze. Und die Betroffenen in andere, geförderte Maßnahmen „einzuschmuggeln“, dürfte auf Dauer keine Lösung sein.
In Untergruppen wurden verschiedene Einzelfragen diskutiert, die dann vorgestellt wurden. Eine Fragestellung: Welche Hemmnisse gibt es bei der beruflichen Integration von jungen MigrantInnen. Eine übergeordnete Rolle spielt zunächst einmal die Rassismuserfahrung, die diese Gruppe prägt. Das korrespondiert ein wenig mit der lange Zeit gültigen Nichtanerkennung Deutschlands als Einwanderungsland, was ein Klima schafft, das Integration de facto und auch von der Haltung her erschwert.
Ein anderer Punkt ist die fehlende längerfristige Planung der eigenen Zukunft in Deutschland. Viele der MigrantInnen gehen immer noch davon aus, dass sie in absehbarer Zeit in ihr Herkunftsland zurückkehren. Die Erfahrung mit der Realität spricht natürlich dagegen, dass dies geschieht. Die Vorstellung aber lässt es als nicht notwendig erscheinen, die Kinder hier eine qualifizierte Ausbildung durchlaufen zu lassen. Einen ähnlichen Effekt hat die Erfahrung der ersten Zuwanderergeneration. Sie mussten hier in der Regel körperlich hart arbeiten und brauchten dafür keine besondere berufliche Ausbildung bzw. die Ausbildung, die sie aus dem Herkunftsland mitgebracht hatten, nutzte ihnen nichts. Daraus schließen sie, dass es ihren Kindern genauso ergehen wird.
Hindernisse, die auf der gesellschaftlichen Seite liegen, sind das Fehlen einer Zielgruppenanalyse und einer Arbeitsmarkanalyse. Ausländische Jugendliche können nicht über einen Kamm geschoren werden. Es müssen Stärken und Schwächen untersucht werden, und inwieweit sie auf Einzelne zutreffen. Das schließt auch ein, besondere Kompetenzen zu beachten, die sich aus der Tatsache ergeben, dass sie in zwei unterschiedlichen Kulturen aufgewachsen sind. Parallel dazu ist es nötig den Arbeitsmarkt daraufhin zu untersuchen, welche Fähigkeiten und Kompetenzen künftig verstärkt gefordert sein werden.
Dies dann den verschiedenen Gruppen zu vermitteln und das deutsche Bildungs- und Berufsbildungssystem generell, ist die nächste Aufgabe, die sich daraus ergibt. Hierbei ist es interessant, dass die Selbstorganisation der verschiedenen Gruppen von AusländerInnen sehr unterschiedlich entwickelt ist. Bei den SpanierInnen - so wurde berichtet - existieren gute Strukturen, über die Informationen fließen. Bei anderen funktioniert das weniger.
Eine andere Frage sind die gesellschaftlichen und die betrieblichen Hemmnisse für eine Integration. Bei den gesellschaftlichen Hemmnissen sind es vor allem Grundlagen, die als Hemmnis wirken. Insbesondere das Ausländergesetz und das Arbeitsförderungsgesetz. So haben etwa Flüchtlinge keinen Zugang zum Arbeitsmarkt bzw. einen begrenzten. Sie sind auch abhängig davon, wie die Sachbearbeiter in den Ausländerbehörden ihre Spielräume nutzen oder nicht. Das zeigt im Übrigen auch, dass MigrantInnen unterschiedlich behandelt werden. So brauchen Kinder von Drittstaatsangehörigen, wenn sie in Deutschland geboren sind, keine Arbeitserlaubnis.
Dazu, was geschehen sollte oder muss, damit Jugendliche ausländischer Herkunft eine bessere Chance auf einen Ausbildungsplatz bekommen, gab es verschiedene Anregungen. Eine war die Quotenregelegung, obwohl die auch Risiken in sich birgt. Eine andere Forderung: Veränderung der Einstellungstests, die oft eine ungerechtfertigte Hürde darstellen. Generell sollte nicht über Tests eine Auslese stattfinden, sondern Jugendliche da individuell gefördert werden, wo sie Schwächen haben.
Insgesamt, so eine Zusammenfassung, wäre es wünschenswert, wenn der Kontakt zwischen Schulen und Betreiben verbessert würde, damit die Jugendlichen schon als SchülerInnen einen Eindruck von der Arbeitswelt bekommen und die Betriebe sich darauf einstellen und vorbereiten können, welche Jugendlichen sie demnächst ausbilden werden. Denn angesichts der demografischen Entwicklung wird den Betrieben die Chance der endlosen Auslese in absehbarer Zukunft nicht mehr gegeben sein.
