Forum 2: Zugang zur betrieblichen Ausbildung
Wir wollen erreichen, dass Migrantinnen und Migranten gleiche Chancen in der Gesellschaft haben. Eine wichtige Voraussetzung dafür ist die Beherrschung der Sprache und der Zugang zu Arbeit. In den 80er Jahren hatten wir die Hoffnung, dass sich die Fragen Sprachbeherrschung und Bildung mit dem Generationswechsel im Prinzip erledigt. Die Entwicklung kam aber anders. Was die Sprache angeht, haben sich die Kenntnisse der jungen Migranten verschlechtert. Bei den Schulabschlüssen sieht es auch nicht besser aus. Die absoluten Zahlen sind zwar nach oben gegangen, prozentual aber gibt es eine Verschlechterung. Und auch bei der Beteiligung an der Ausbildung gibt es einen negativen Trend.
Ein sehr wichtiger Faktor für die Bildungsvoraussetzungen der Auszubildenden mit Migrationshintergrund ist das Elternhaus. Dieses muss das Ausbildungssystem in Deutschland verstehen und anerkennen. Wenn man in sich aber die Länder ansieht, wo die Migranten herkommen, vor allem die Anwerbestaaten, ist festzustellen, dass dieses System dort so gut wie nicht vorhanden ist. Deshalb muss man ihnen das Ausbildungssystem erläutern und klar machen, wie wichtig eine Ausbildung ist. Dazu ist viel Überzeugungsarbeit nötig. Denn stärker als bei den Deutschen entscheiden die Eltern über den Weg der Kinder. Die Familie muss also hinter der Ausbildung stehen. Wenn die Familie hinter einer Ausbildung steht, ist das aber noch keine Garantie für einen erfolgreichen Abschluss. Obwohl viele Kinder mit Migrationshintergrund hier geboren sind, haben sie nicht dieselben Chancen wie Deutsche. Ihr größtes Problem ist die Sprache. Viele sprechen von zu Hause aus kein gutes Deutsch, aber auch in der Erstsprache sind sie nicht perfekt. Hier müssen die Schulen bessere Konzepte umsetzen.
Junge Mädchen und Frauen haben bei der Frage der Ausbildung oft noch größere Probleme als die Jungen. Ihre schulischen Leistungen sind im Durchschnitt zwar besser, aber es gibt bei den Eltern viele Vorurteile gegen eine Ausbildung. Mädchen bräuchten keine Ausbildung, heißt es, weil sie sowieso eines Tages heiraten. Hier muss eine besondere Aufklärungsarbeit geleistet werden, damit eine solche Haltung zurückgedrängt wird.
Zu den Schwierigkeiten, denen sich junge Migrantinnen und Migranten gegenübersehen kommt hinzu, dass sie sich allgemein Vorurteilen ausgesetzt sehen und eine Ungleichbehandlung spüren. Und es gibt nur sehr wenige Institutionen, die hier eine Hilfestellung leisten. Einige Schulen und die Wohlfahrtsverbände versuchen, einzugreifen und auch irgendwelche Vereine und Organisationen der Migrantinnen und Migranten bemühen sich, die jungen Leute aufzufangen. Das gelingt aber viel zu wenig.
Zum Bereich Betriebe. Eine erste Schwierigkeit für Jugendliche mit Migrationshintergrund in die Betriebe zu kommen, sind die Einstellungstests. Die sind völlig veraltet und gehen auf die Situation dieser Jugendlichen überhaupt nicht ein. Daneben gibt es Vorurteile bei den Betrieben. Bevor ein Ausländer als Auszubildender eingestellt wird, nehmen die Betriebe lieber einen Deutschen. Das müssen nicht unbedingt Vorurteile sein, oft liegt das auch an mangelnder Erfahrung. Die Betriebe bilden ja nicht aus, weil sie eine gute Tat vollbringen wollen, sondern weil sie anschließend die Auszubildenden als Arbeitskräfte übernehmen wollen. Aus diesem Grund haben sie schon ein Interesse daran, dass die Azubis einen vernünftigen Abschluss schaffen. Das trauen sie eher deutschen Jugendlichen zu. Die Betriebe hatten zumindest in der Vergangenheit eine ziemlich große Auswahl. Das wird sich in Zukunft ändern, so dass sie gezwungen sind, auf junge Migrantinnen und Migranten zugreifen zu müssen.
Eine Möglichkeit, bei der Einstellung von Auszubildenden mit Migrationshintergrund steuernd einzugreifen, haben die Betriebsräte. Die Mitbestimmung eröffnet da verschiedene Möglichkeiten. So gibt es bereits einige Betrieb mit Förderprogrammen für Migranten. Da müssen aber zuvor entsprechende Aktivitäten von der Interessenvertretung entwickelt werden. Da lässt sich natürlich eine Menge machen.
Es gibt auch Unternehmen, denen einfach das Know How fehlt, um ausbilden zu können. Deren Inhaber sind meistens Migranten. Es gibt verschiedene Institutionen - zum Beispiel die Kammern, manchmal auch die Kommunen -, die in solchen Fällen Hilfestellung geben. Die Möglichkeit Ausbildungsplätze zu schaffen, sollte noch stärker gefördert werden. Eine Reihe von Betrieben stellt auch ganz gezielt ausländische Jugendliche als Auszubildende ein. Das sind vor allem Unternehmen, die eine ausländische Kundschaft haben. Das ist dann ein besonderer Service, weil die Kunden in ihrer Muttersprache angesprochen werden können. So arbeiten Türkinnen sehr oft als Arzthelferinnen. Die sind dann gleichzeitig auch Dolmetscherinnen.
Wenn man sich nun die Kommunen ansieht, muss man feststellen, dass sie keine Vorbilder sind. In den öffentlichen Verwaltungen arbeiten gerade ein oder zwei Prozent Migrantinnen und Migranten. Es gibt zwar Förderprogramme, aber die sind kaum bekannt. Hier müssten die Personalräte stärker aktiv werden. Ein Problem besteht darin, dass die Kommunen die Ausbildungssituation in Bezug auf Jugendliche mit Migrationshintergrund gar nicht kennen und deshalb nichts unternehmen. Hier müssen also noch viele Aktivitäten entwickelt werden.
Als REWAG versuchen wir auf verschiedene Weise darauf Einfluss zu nehmen, dass Migrantinnen und Migranten die Möglichkeit bekommen, ins Berufsleben oder in eine Qualifizierung einzusteigen. Diese Arbeit mit Ausländerinnen und Ausländern ist ein Teil der Arbeit der Arbeitsgemeinschaft, der Teil in dem ich arbeite. Als REWAG haben wir einen großen Vorteil gegenüber anderen Institutionen. Der Name sagt das schon aus: Arbeitsgemeinschaft für kulturelle Bergmannbetreuung. Wir arbeiten nur in Bereichen, wo heute noch Bergbau ist und wo Bergbau einmal war. Wir sind also ganz eng vor Ort und kennen die Probleme, die es gibt.
Wir befassen uns mit den Leuten und sehen ihre Schwierigkeiten und setzen da an. Der größte Bereich, den wir versuchen abzudecken, sind die Deutschkurse. Deutschkurse sind das A und O damit die Menschen überhaupt miteinander kommunizieren können. Kinder werden hier geboren und sprechen die Sprache nicht. Das darf so einfach nicht sein. Deshalb gehen wir in die Kindergärten und organisieren eine Sprachförderung. Die führen wir nicht selber durch, sondern haben dafür Kooperationspartner. Gleichzeitig bieten wir für junge Mütter Sprachkurse an. Dazu kommen dann auch noch Deutschkurse für Grund- oder auch Hauptschüler, die außerhalb der Schulzeit stattfinden.
In diesem Zusammenhang haben wir jetzt ein Pilotprojekt gestartet, auf das ich große Hoffnungen setze. In den letzten Jahren haben wir gesehen, dass die Schülerinnen und Schüler, die nachmittags den Deutschkurs besucht haben, nur wenig Erfolge hatten. Wir haben uns gefragt, woran das liegen könnte. In einem Gespräch mit einer Lehrerin, die die Situation gut beurteilen kann, kamen wir dann auf eine Idee. Wir verpflichten die Mütter dieser Kinder, die Deutsch nur schlecht oder gar nicht sprechen, auch diesen Kurs zu besuchen, nicht gemeinsam mit ihren Kindern, sondern getrennt. Die Kinder gehen dreimal die Woche zu diesem Sprachkurs, die Mütter einmal, aber mit denselben Inhalten. Wir erhofften uns davon, dass die Kinder angeregt werden, weil die Mütter auch Deutsch lernen müssen. Das motiviert vielleicht beide Seiten.
Bei den Deutschkursen fördern wir besonders Frauen, weil sie aus verschiedenen Gründen oft nicht die Möglichkeit haben, solche Kurse zu besuchen, etwa weil sie ein Kind haben oder andere Gründe. Es gibt aber auch manche kulturelle Hürden, die man von außen teilweise nicht erkennen kann. Wir versuchen, Wege und Mittel zu finden, diese Hürden zu beseitigen und den Frauen den Zugang zu den Deutschkursen zu verschaffen. Daneben bieten wir auch klassische Deutschkurse an.
Ein anderes Arbeitsgebiet ist die schulische Bildung. Hier bieten wir Möglichkeiten, sich darauf vorzubereiten einen Schulabschluss nachzuholen. Wir versuchen - teilweise auch mit Kooperationspartnern -sie auf einen Level zu bringen, damit sie diese Prüfungen machen können. Für die Schülerinnen und Schüler bieten wir außerhalb der Schulzeiten Stützunterricht an. Kinder mit Migrationshintergrund brauchen teilweise einen ganz anderen Stützunterricht als deutsche Kinder. Wir bieten das vorwiegend für Grundschüler an, aber auch für Hauptschüler. Für Schülerinnen und Schüler von Realschulen und Gymnasien ist das unserer Erfahrung nach nicht notwendig.
Im Bereich berufliche Bildung machen wir immer wieder einmal Projekte mit Betrieben, die lernschwache Auszubildende nehmen. Wir sorgen dafür, dass diese Azubis unterstützt werden, etwa durch zusätzlichen Unterricht. Oft sind das aber Betriebe, die nur eine Ausbildung anbieten und die Jugendlichen danach nicht übernehmen. Aber immerhin können die Jugendlichen so zumindest eine Lehre abschließen.
Ein weiterer Schwerpunkt, den wir anbieten, ist ein Bewerbungstraining, und zwar allgemein und speziell für Frauen. Viele junge Frauen fragen auch nach, wie sie sich selbstständig machen können. Die Neigung, sein eigener Chef zu sein, ist - wahrscheinlich kulturell bedingt - sehr groß. Da helfen wir dann auch.
Wir versuchen auch die Leute zu einer Weiterqualifizierung zu bewegen, dies nicht bezogen auf Deutschkurse, sondern auch auf berufliche Weiterbildung. Wir können da ganz verschiedene Angebote machen. Recht neu ist ein Angebot zu dem Bereich Zugang zu neuen Medien. Dabei versuchen wir gerade eine Art Berufsvorbereitungsjahr für junge Migranten und Migrantinnen zu organisieren, in dem wir eine Palette von Themen aus dem Bereich neue Medien anbieten. Wir möchten, dass das Vorbereitungsjahr auch offiziell als solches anerkannt wird. Bevor man irgendwelche Angebote an Migrantinnen und Migranten macht, muss man immer erst ihre Hintergründe kennen. Warum kommen sie nach Deutschland? In was für einem Umfeld leben sie? Solche und andere Fragen müssen beantwortet werden, wenn die Arbeit erfolgreich sein soll.
