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Forum 1: Nachfragen und Diskussion

25.02.2003

Wie müssen sich Schulen in einer Einwanderungsgesellschaft für Kinder mit Migrationshintergrund öffnen? Wie muss - vor dem Hintergrund der PISA-Studie - Bildung insgesamt neu organisiert werden? Diese Fragen dominierten die Diskussion im Form 1. Eines freilich war sehr schnell klar: eine Öffnung der Schulen für sich genommen, dürfte schwierig sein, wenn die Gesellschaft insgesamt sich nur zögerlich öffnet.

Ein Vorschlag, wie Öffnung organisiert werden kann, knüpfte an dem Erfolg der Frauenbewegung an, dass so genannte Gender Mainstreaming in der EU inzwischen gesellschaftlicher Standard ist. Eine ähnliche Debatte sollte in Bezug auf MigrantInnen geführt werden, um so zu einem interkulturellen Mainstreaming in Deutschland zu kommen. Das könnte etwa so aussehen, dass man sich die Gesellschaft insgesamt in all ihren Verästelungen daraufhin ansieht, inwieweit MigrantInnen dort Berücksichtigung finden und wo sie ausgeschlossen werden oder unterrepräsentiert sind. Die Erkenntnisse, die dabei gewonnen werden, können Grundlage sein für Gleichstellungsprogramme, wie sie etwa für Frauen existieren. Das könnte sich im schulischen Bereich in einer Bildungsoffensive niederschlagen, wie es sie in den 70er Jahren für Mädchen - vor allem im Bereich Naturwissenschaften - gegeben hat. Voraussetzung wäre freilich, sich in der Gesellschaft zunächst einmal einzugestehen, dass die Situation, so wie sie ist, auch Folge einer Verdrängung ist. Verdrängt wurde nämlich die Tatsache, dass Deutschland ein Einwanderungsland ist. Deshalb wurde nicht die Struktur der Schulen verändert, sondern bestenfalls an den Symptomen angesetzt, etwa in der Form, dass Pädagogen oder Sozialarbeiter sich um Jugendliche mit Migrationshintergrund kümmern, die auf Grund schlechter schulischer Leistungen auf dem Arbeitsmarkt nur geringe Chancen haben.

Wichtig bei einer Veränderung der Schule ist es, dass SchülerInnen, LehrerInnen und Eltern zusammenarbeiten - und zwar so, dass die gesellschaftliche Realität in Deutschland widergespiegelt wird. Das heißt Eltern nichtdeutscher Herkunft bewusst einbezogen werden. Sie sind heute auf Grund von sprachlichen und kulturellen Differenzen aus der Schule ausgeschlossen. Die Schule lässt sich auf ihre Situation nicht ein. Dies - so ein Diskussionsteilnehmer - sei ein Punkt, der sich ändern müsse.

Ein anderer Punkt: Der Staat sollte den Schulen einen gewissen Autonomiestatus geben, damit sie entsprechend ihrer Situation handeln können. Denn schließlich stehe eine Schule in Berlin-Zehlendorf vor anderen Aufgaben als in Kreuzberg und eine Schule in Bayern vor anderen als eine in Nordrhein-Westfalen.

Dagegen richtete sich die Befürchtung, dass dies mit einer Privatisierung verbunden sein könnte. Das würde zur Folge haben, dass ausländische Kinder, aber auch deutsche Kinder aus sozial schwachen Familien keine Chance mehr hätten, eine gute Bildung zu erwerben.

Dies solle natürlich nicht sein. Bildung müsse eine staatliche Aufgabe bleiben. Der Staat soll auch einen Rahmen setzen und auch eine Kontrollfunktion ausüben. Innerhalb dieses Rahmens aber müssten die Schulen größtmögliche Freiheit haben, sich auf die eigene Situation kreativ einstellen und selbstbestimmte Strukturen entwickeln zu können. Dazu zählt auch, die Rolle der Schülervertreter zu stärken. So können die SchülerInnen zwar ihre Sprecher wählen, diese haben aber keinerlei Macht.

Die Schulen - so eine weitere Anforderung -sollten auch die Geschichte der Einwanderung thematisieren oder im Deutschunterricht auch Texte von Autoren nichtdeutscher Herkunft lesen. Dies freilich setzt voraus, dass auch die Ausbildung der LehrerInnen reformiert wird. Ob das angesichts der Situation der öffentlichen Kassen realistisch ist, stehe auf einem ganz anderen Blatt.

Eine Forderung, wie die schulische Situation von Kindern mit Migrationshintergrund verbessert werden könne, war die obligatorische Einführung der Vorschule, damit die betroffenen Kinder früh anfangen können, ihre sprachlichen Fähigkeiten zu verbessern und zu lernen, wie die deutsche Kultur, in der sie sich zurechtfinden müssen, funktioniert.

Bei der Bewertung der Situation junger AusländerInnen - so ein griechischer Diskussionsteilnehmer - müssten auch die MigrantInnen selbstkritisch sehen, wo sie Fehler gemacht haben. Einer ist sicher darin zu sehen, dass die allermeisten immer gesagt haben: Noch ein Jahr und dann gehe ich wieder in die Heimat. Und aus dem noch ein Jahr und noch ein Jahr sind 30 Jahre geworden. Und die Kinder haben vor dem Hintergrund der Rückkehrabsicht eine schulische und berufliche Ausbildung absolviert, die in dem Herkunftsland oder der Herkunftsregion vielleicht angemessen ist, in Deutschland aber nicht ausreicht.

Daran knüpfte die Frage an, welche Zielsetzungen die Eltern eigentlich für ihre haben. Das sei ja meist ausschlaggebend für deren Bildungskarriere. Die Ambitionen der Eltern - soll Halil Can in einer Antwort - sind in der Regel recht hoch gesteckt. Dies sei häufig bei Unterschichtenfamilien zu beobachten, dass die Eltern bei den Kindern das erreicht sehen wollen, was sie selbst nicht erreichen konnten. Dies gilt auch für Migrantenfamilien. Die Eltern sind oft auch deshalb nach Deutschland gekommen, damit es ihre Kinder später besser haben. Sie wünschen sich für ihre Kinder häufig hochqualifizierte Berufe wie Arzt, Rechtsanwalt, Ingenieur und so weiter. Die Erwartungen in ihre Kinder sind damit sehr hoch gesteckt. Diese können aber die Kinder meistens nicht erfüllen, weil die Voraussetzungen nicht stimmen, weder in der Familie noch im Schulsystem. Die Kinder werden so mit einem Problem konfrontiert, das sie alleine nicht bewältigen können.

Forum1 (berufliche Qualifikation von Jugendlichen...)Welche Rolle spielen die LehrerInnen bei der schulischen Bildung von Jugendlichen mit Migrationshintergrund, welche Rolle können sie spielen? Diese Frage wurde von unterschiedlichen Aspekten her diskutiert. Ausgangspunkt war die Feststellung einer Teilnehmerin, dass ohne abgeschlossene Schulbildung für die jungen Leute schon fast alles zu spät ist.

Eine zusammenfassende Antwort gab eine Vertreterin der GEW: LehrerInnen sind Opfer und Täter zugleich. Sie sind auf die Aufgabe nicht entsprechend vorbereitet und müssen von daher nahezu zwangsläufig zu Tätern werden. Von anderer Seite wurde das bestätigt. In Brandenburg wurde zum Beispiel die Erfahrung gemacht, dass LehrerInnen gerade an Schulen mit vielen SchülerInnen mit Migrationshintergrund - also auch Spätaussiedler - diese bisweilen diskriminieren - so ein Diskussionsteilnehmer. Da wünsche er sich ein Antidiskriminierungsgesetz. Sie überreagieren, weil sie überfordert sind - so seine Erklärung. Sie sind von ihrer Ausbildung her darauf eingestellt, Kinder und Jugendliche zu unterrichten, die einen deutschen kulturellen Hintergrund haben und deren Erstsprache Deutsch ist. Um an dieser Stelle etwas zu verändern arbeitet seit 1993 ein Projekt, das die LehrerInnen informiert und auf Weiterbildungsmöglichkeiten verweist und gleichzeitig zusammen mit Selbstorganisationen der MigrantInnen versucht, kompensatorischen Unterricht anzubieten.

Die oben zitierte GEW-Kollegin, selbst Lehrerin für muttersprachlichen Unterricht, griff den Hinweis auf das Antidiskriminierungsgesetz auf. Das neue Schulgesetz in Hessen, wonach Kinder, deren Sprachkenntnisse ungenügend sind, von der Einschulung zurückgestellt werden können, könnte gegen das Gebot der Antidiskriminierung verstoßen. Die Kinder bzw. deren Eltern, so das Gesetz, sollen sich um ausreichende Sprachkenntnisse bemühen. Viele ausländische Eltern haben aber selbst oft eine gebrochene Schullaufbahn. Die Frage ist, wie sie das leisten sollen und warum ihre Kinder, wenn sie das nicht schaffen, dafür bestraft und ausgegrenzt werden. Mit einem Antidiskriminierungsgesetz würde darüber sicher anders diskutiert.

Ein solches Gesetz könnte möglicher Weise auch verhindern, dass ausländische Kinder überproportional von der normalen Schullaufbahn ausgeschlossen und auf Sonderschulen überwiesen werden. Auch Bundespräsident Johannes Rau hat beklagt, dass zu viele ausländische Kinder auf Sonderschulen landen. Hier zeigt sich, dass die Schule in Deutschland ein Instrument der sozialen Selektion sei. Inwieweit das diskriminierend ist, wird nach der notwendigen Umsetzung der Antidiskriminierungsrichtlinie der EU wohl geklärt werden müssen - auch juristisch.

Ein anderes schulisches Modell, in dem Kinder mit Migrationshintergrund gefördert werden können, wurde in der Diskussion als so genannte kidsorientierte Schule - also an den Kindern und Jugendlichen orientierte Schule - thematisiert, die in eine gemeinwesenorientierte Arbeit integriert ist. Zentral für diese Schule - so Halil Can - ist eine starke Einbeziehung der Eltern. Das bedeutet auf der einen Seite, dass diese ihre Kinder nicht einfach in der Schule abliefern und den Lehrern sagen: Schule ist euer Auftrag, kümmert euch darum. Um das zu ermöglichen, müssen die Eltern aber auch Teil der Schule sein und wirklich Einfluss nehmen können. Es muss ein kontinuierlicher Dialog und Meinungsaustausch stattfinden, der sich nicht auf eine halbjährliche Elternversammlung beschränkt. Kinder mit Migrationshintergrund leben stärker als deutsche Kinder in zwei verschiedenen Welten. Das Leben in der Familie ist die eine Wirklichkeit und die Schule die andere. Und beide wissen voreinander eigentlich nichts. Das muss sich ändern. Daneben gibt es noch ein pädagogisches Umfeld. Die Kinder gehen zum Beispiel nach der Schule häufig in Jugendeinrichtungen, wenn es eine in der Gegend gibt. Die Eltern können den Kindern bei den Hausaufgaben oft nicht helfen, das geschieht in Hausaufgabenzirkeln in diesen Einrichtungen. Aber die Sozialarbeiter, die dort arbeiten, wissen nichts über die Situation dieser Kinder, weil sie weder Kontakt zur Schule noch zu den Eltern haben. Hier müsste sich der Kreis schließen, eine Kooperation zwischen Schule, Eltern und Jugendeinrichtungen stattfinden. Das hieße, dass die Kinder im Mittelpunkt stehen, die Schule also kidsorientiert ist. Erste praktische Ansätze dafür gibt es in Berlin, wo einige Schulen mit freien Trägern der Jugendhilfe kooperieren und so genannte Schülerclubs bilden. Hier wird versucht, gemeinsam an Themen zu arbeiten, die gleichermaßen Lernen wie Integration und demokratische Teilhabe insgesamt betreffen.

Das Schulsystem, wie es derzeit funktioniert, ist auf Selektion ausgerichtet. Die Schule achtet nicht darauf, was für eine Qualifikation ein Kind hat, das eingeschult wird, sondern blickt auf die Defizite. Folge: Die Kinder werden in Vorbereitungsklassen geschickt - wo es diese gibt - und sind unter sich. Auch dies - so eine Beobachtung - ist wiederum eine Trennung in diejenigen, die dazu gehören und diejenigen, die nicht dazu gehören. Hier wiederholt sich also das, was es in den Wohngebieten und bei den freundschaftlichen Beziehungen gibt. Und die Kinder spüren diese Trennung natürlich sehr stark. Das ist dann möglicher Weise auch Grundlage für eine Selbstethnisierung. Diese ist - so berichtet ein deutscher Vater aus Unterhaltungen mit seinem Sohn - oft schon darin spürbar, dass beide Gruppen - Deutsche und Kinder mit Migrationshintergrund - in der Schule keinen Kontakt mehr finden können. Dies bewirke die Gefahr eines Teufelskreises.

Als Ausweg aus dieser Situation wurden in der Diskussion verschiedene Vorschläge gemacht. Die MigrantInnen selbst - so eine Meinung - müssten sich selbst erst einmal darüber einig sein, wie sie sich einerseits integrieren wollen und andererseits ihre Kultur beibehalten können. Das heißt einerseits, dass die Kinder in deutsche Klassen gehen sollen und man sich darüber verständigen muss, dass der muttersprachliche Unterricht die eigene Kultur vermitteln soll, aber nicht Ersatz sein kann für den normalen Unterricht. Dazu - so ergänzend - müssen die Lehrer aber in der Lage sein, Deutsch als Zweitsprache zu vermitteln. Ein anderer Vorschlag verwies auf die Situation in den skandinavischen Schulen, wo keine Selektion stattfindet, sondern Integration.

Wichtig sei auch darauf zu sehen, welche Qualifikationen die Kinder und Jugendlichen haben, die nicht vom Schulsystem erfasst und benotet werden, also nicht in Unterrichtsfächern zum Tragen kommen. In Baden-Württemberg etwa gab es ein Modellprojekt -Qualipass -, bei dem festgehalten wurde, was die Jugendlichen zum Beispiel außerhalb der Schule machen, ob sie sich in einem Verein engagieren, ob sie ein Hobby pflegen und so weiter. Das wird dann auch zertifiziert. Die dahinter stehende Idee ist es, dass potenzielle Arbeitgeber sich nicht nur an dem Zeugnis orientieren, sondern auch an dem, was die Jugendlichen sonst noch an Fähigkeiten besitzen und an ihrem Engagement und sozialen Kompetenzen. Auf diese Weise können etwa schlechte Schulnoten kompensiert werden.

Man dürfe - so ein Diskussionsbeitrag - die Schwierigkeiten zwar nicht klein reden, müsse aber gleichzeitig auch darauf verweisen, dass nach über 40 Jahren Zuwanderung Tausende Akademiker und andere hochqualifizierte Arbeitskräfte aus den Familien der MigrantInnen gekommen sind und in diesem Land arbeiten. Die können auch Vorbild sein, an denen sich Kinder und Jugendliche orientieren.

Zusammenfassend wurden in der Diskussion einige zentrale Punkte für einen schulpolitischen Aufbruch und eine Bildungsoffensive für Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund benannt. Eine interkulturelle Schulung der Lehrer ist ein Ansatz. Das schließt auch ein, dass verstärkt LehrerInnen mit Migrationshintergrund beschäftigt werden. Daneben müssen die SchülerInnen nicht nach ihrem Können eingestuft werden und nicht nach ihrem Sprachniveau. Der Blick muss sich also nicht auf Defizite richten, sondern auf die Förderung von Kompetenzen.

 

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