Sprachenvielfalt -Ein verschenkter Reichtum: Nachfragen und Diskussion
Die Beispiele seien sicher richtig - so eine Diskussionsteilnehmerin -, allerdings widerspiegeln sie nicht die alltägliche Praxis. Da dominiere etwa bei vielen jungen TürkInnen ein Sprachengemisch, das gleichermaßen aus mangelhaftem Türkisch und mangelhaftem Deutsch bestehe. Das, was Ingrid Gogolin vorgetragen habe, sei deshalb eher Sozialromantik. Wichtig sei es, dass die Eltern sich für eine Zweisprachigkeit ihrer Kinder entscheiden. Das sei allerdings ein schwieriger und anstrengender Weg.
Ein anderer Diskussionsteilnehmer erinnerte daran, dass der Wert der Mehrsprachigkeit von Jugendlichen mit Migrationshintergrund bereits in den 70er Jahren thematisiert wurde. Diese Jugendlichen seien quasi von Geburt an zweisprachig, wenn sie in der Schule richtig gefördert werden. Wenn das Problem so lange bekannt sei, liege auf der Hand, dass hier tatsächlich bereits viel Kapital vergeudet wurde. Wenn die zur Verfügung stehenden Gelder richtig eingesetzt würden -so seine Argumentation - sei es so schwierig nicht, Zweisprachigkeit zu ermöglichen. Das zeigen aus seiner Sicht auch die positiven Beispiele. Er habe es in der eigenen Familie erlebt. Seine drei Kinder sind mit Griechisch und Deutsch aufgewachsen und beherrschen beide Sprachen. Ein praktisches Problem sei es, dass nach wie vor die Herkunftssprache in fast allen Bundesländern als Ergänzungsunterricht nachmittags angeboten wird und die SchülerInnen dabei auf den guten Willen der Schulleiter angewiesen sind.
Ein persönliches Beispiel steuerte ein Diskussionsteilnehmer bei der aus der arabischen Welt stammt. Er hat seinen Kinder von klein an auch Arabisch beigebracht. Seine Freunde und Verwandten haben gesagt, er und seine Frau, die Deutsche ist, würden das Kind überfordern. Das hat sich nicht bewahrheitet. So spricht seine älteste Tochter, die derzeit ihr Medizinstudium beendet, inzwischen vier Sprachen. Deshalb plädiere er sehr stark dafür, Mehrsprachigkeit bewusst zu fördern und die vorhandenen Ressourcen, die es in dieser Gesellschaft gibt, zu nutzen.
Wenn diese Ressourcen tatsächlich genutzt werden sollen - so ein ergänzendes Argument -, sei es nötig, dass die deutsche Gesellschaft sich auch im Alltag als Einwanderungsland begreift. Es dürfe nicht so bleiben, dass es in Parteien, Verbänden und Institutionen so etwas wie Vorzeige-Ausländer gibt und dadurch Offenheit signalisiert werden soll. Vielmehr müsse eine Öffnung stattfinden, die bewirkt, dass die Anwesenheit von Menschen mit einem anderen kulturellen Hintergrund als eine Selbstverständlichkeit begriffen wird. Dann könnten die vorhandenen Ressourcen besser genutzt werden - was angesichts der Globalisierung im Übrigen der gesamten Gesellschaft zu Gute käme.
Selbstverständlichkeit oder Normalität war auch das Stichwort in einer Antwort von Ingrid Gogolin. Den Vorwurf der Sozialromantik, so Gogolin, höre sie öfter. Die Fallbeispiele, die sich aus der Forschungsarbeit ergeben, seien aber Praxis, genauso wie negative Erscheinungen bei der Sprachbeherrschung. Man müsse sich daran gewöhnen, dass die Gesellschaft sehr vielschichtig ist und es nötig sei, mit dieser Vielschichtigkeit umzugehen. Die Sichtweise, die hauptsächlich in der Vergangenheit auf Zugewanderte eingenommen wurde, nämlich dass sie mit Defiziten behaftet seien, müsse aufgegeben werden. Statt dessen sei es nötig, darauf zu blicken, welche sozialen und kulturellen Potentiale in diesen Lebensformen liegen. Nur so könne Normalität hergestellt werden. Unter MigrantInnen -so ein Beispiel - haben sich Lebensformen entwickelt, die vorbildlich sind für das, worauf die Gesellschaft zusteuert, nämlich Globalisierung von Lebensformen. Das ist etwa die Fähigkeit, sich mit so etwas wie Heterogenität zu arrangieren. Dies zu akzeptieren sei vielleicht deshalb nicht so leicht, weil die Hoheit darüber verloren geht, was als normal bezeichnet wird.
Sozialromantik sei es allerdings - so Gogolin zu einem anderen Punkt - die Entwicklung der Sprachfähigkeiten den Eltern aufzulasten. Das könnten diese nicht leisten, und es sei auch nicht ihre Sache, sondern Sache der Institutionen. Aus der Forschung sei bekannt, dass bei Menschen, die zweisprachig aufwachsen, sich eine Sprachkompetenz entwickelt, die nicht aus zwei nebeneinander isoliert existierenden Sprachblöcken besteht. Es entwickelt sich vielmehr eine Gesamt-Sprachkompetenz. Dieses Leben ist etwas anderes als eine Fremdsprache zu lernen. Irgendwann kommt dann der schulische Sprachunterricht hinzu. Und hier ist es dann oft so, dass die Entwicklungsmöglichkeiten abgeschnitten werden. Ingrid Gogolin verdeutlichte das an einem Beispiel. Wenn man einem kleinen Kind ein Bein festbindet und es das über längere Zeit nicht richtig bewegen und trainieren kann, wird es verkümmern. Das hat dann auch Folgen für die Bewegung insgesamt und damit auch für das andere Bein. So gelte das auch für die Sprache.
Der muttersprachliche Unterricht ist aus Sicht von Ingrid Gogolin in diesem Zusammenhang nicht sonderlich hilfreich. Er geht nämlich ebensowenig wie der Deutschunterricht davon aus, dass die Kinder zweisprachig sind. Es ist letztlich nicht möglich die Sprachen in den Köpfen der zweisprachigen Kinder aufzuspalten. Deshalb tritt Gogolin für eine zweisprachige Alphabetisierung in der deutschen Schule ein, was bedeutet, dass entsprechend ausgebildete Lehrkräfte vorhanden sein müssen.
Mehrsprachigkeit - so eine Schlussfolgerung von Ingrid Gogolin -überfordert kein Kind. Aus der Neuropsychologie ist bekannt, dass es prinzipiell keine Begrenzung für die Zahl der Sprachen gibt, die man lernen kann. Durch Mehrsprachigkeit hat kein Kind einen Nachteil, es sei denn, die Gesellschaft macht daraus einen Nachteil. Das ist allerdings die Gefahr, der zugewanderte Familien ständig ausgesetzt sind. Sie werden nämlich durch Lehrkräfte verunsichert, die sagen, Zweisprachigkeit sei nicht gut und sie werden verunsichert durch die Öffentlichkeit. Statt selbstbewusst das zu investieren, was sie haben, rät man Familien, sie sollen mit Kindern Deutsch radebrechen, das sie selber nicht beherrschen. Sie sollen nämlich die Kinder für die Institution Schule vorbereiten. Wenn aber die Eltern das leisten sollen, was Aufgabe der Schule ist, könnte man auch die Schulen abschaffen und die Ausgaben dafür einsparen.
Ein letzter Punkt in der Diskussion bezog sich noch einmal auf die Legitimität von Sprache. Diese Legitimität ist historisch gewachsen. Es gibt aber eigentlich keine legitimierende Instanz, die regelt, welche Sprache gesprochen wird. Dennoch ist Deutsch eine Selbstverständlichkeit. In anderen Ländern ist das anders. Die Schweiz hat bekanntlich vier gleichberechtigte Sprachen. Diese sind regional verteilt. In Südafrika gibt es elf gleichberechtigte Landessprachen. Die verteilen sich aber über das ganze Land. Und da wird es in den Schulen geregelt, dass die Kinder Zugang zu der Sprachen finden, auf die sie ein Recht haben.
Abschließend bewertete Ingrid Gogolin die Entwicklung vorsichtig optimistisch. Es gebe Veränderungen, auch wenn immer wieder einmal Rückschritte dabei seien. Und auch das gesellschaftliche Klima verändere sich. Ein praktisches Beispiel dafür: Sie war von der Handelskammer in Hamburg eingeladen worden, darüber Vorschläge zu unterbreiten, wie die Stadt es schaffen könne, den vorhandenen sprachlichen Reichtum in der Stadt besser sichtbar zu machen. Dies ist ein Zeichen dafür, dass eine Entwicklung stattfindet.
