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Sprachenvielfalt -Ein verschenkter Reichtum

25.02.2003
Prof. Ingrid Gogolin, (Universität Hamburg)

Dieser Beitrag ist dem Thema Reichtum gewidmet: dem Sprachenreichtum durch die Sprachenvielfalt, die in Deutschland durch Zuwanderung entstanden ist. Genau besehen, gibt es dabei eine bittere Pille zu schlucken, denn in Deutschland wird dieser Reichtum verschenkt.

Die Bundesrepublik Deutschland ist durch Zuwanderung auf Dauer multikulturell und vielsprachig. Das Rad der Geschichte lässt sich nicht zurückdrehen, und allmählich wird dies selbst auf der höchsten politischen Ebene nicht mehr geleugnet. Auch wenn es euphemistisch Zuwanderungsland heißt, kommen wir nicht darum herum: Deutschland ist ein Einwanderungsland und es wird es für lange Zukunft bleiben.
Wir sind aber nach wie vor weit davon entfernt, dieses Faktum in allen seinen Konsequenzen zur Kenntnis zu nehmen. Eher ist festzustellen, dass die Folgen dessen für die kulturelle und soziale Entwicklung der in Deutschland ansässigen Menschen ignoriert werden - sowohl der Menschen, die sich traditionell als Deutsche empfinden und auch derjenigen, die das nicht tun. Nötig wäre es, wenn ein Perspektivenwechsel eintreten würde: eine veränderte Sicht auf Lebenspraktiken und auf Ausdrucksformen, die in diesem Land als normal anerkannt werden und als wertvoll für die Gestaltung unseres Zusammenlebens gelten. Wenn ein solcher Perspektivenwechsel nicht geschieht - und bislang er noch nicht erreicht -, dann kommt es weiterhin zur Verschwendung von wertvollen Ressourcen, zur Vergeudung von gesellschaftlichem Reichtum.

Im ersten Teil meines Beitrags möchte ich einige der Normalitätsannahmen nennen, die überwunden werden müssen, damit sprachliche und kulturelle Vielfalt einen anderen Stellenwert in der deutschen Gesellschaft bekommen, als sie bisher haben. Im zweiten Teil gehe ich darauf ein, wie Jugendliche, die mehrsprachig aufwachsen, versuchen, aus ihrer Mehrsprachigkeit Gewinn zu ziehen - trotz der von ihnen erlebten gesellschaftlichen Geringschätzung ihrer sprachlichen Fähigkeiten. Ich möchte damit das Interesse auf den Nutzen lenken, den sprachliche und kulturelle Vielfalt für dieses Land, für diese Gesellschaft und auch für seine Ökonomie bedeuten könnten, wenn man denn nur wollte.

 

Der erste Teil ist mit einem Fremdwort überschrieben:

monolingualer Habitus.

Zu den Normalitätsannahmen, die aus unserer Sicht dringend überwunden werden müssen, gehört die Überzeugung, dass Individuen, aber auch Gesellschaften oder Staaten normalerweise einsprachig seien. Diese Grundüberzeugung, dass die Einsprachigkeit einer Gesellschaft oder eines Menschen normal sei, habe ich als monolingualen Habitus bezeichnet. Ein monolingualer Habitus herrscht in den europäischen Nationalstaaten vor; er ist eine speziell europäische Tradition. Faktisch sind eigentlich alle Staaten der Welt vielsprachig.

Weil eine monolinguale Grundüberzeugung hier zu Lande vorherrscht, werden aus ihr die Maßstäbe dafür gewonnen darüber zu urteilen, was an Sprachkönnen und Sprachpraxis als wertvoll gilt und was nicht. Das sind zugleich die Maßstäbe dafür festzustellen, welchen Marktwert ein Sprachvermögen besitzt. Die hier zu Lande als legitim geltende Sprache, also die fraglos von allen anerkannte, ist selbstverständlich das Deutsche. Normal und nachvollziehbar ist daran, dass das Deutsche sicherlich die hier am weitesten verbreitete, am häufigsten benutzte Verständigungssprache ist.. Nicht nachvollziehbar ist jedoch die Tatsache, dass nur das Leben, das in dieser einen Sprache Deutsch geführt wird, als das normale Leben gilt. Andere Sprachen, die auf deutschem Boden existieren, bekommen unter bestimmten Umständen und mit gewissen Einschränkungen Teile von Legitimität zuerkannt. Eine Möglichkeit dafür ist ein staatlicher Akt. Solche gibt es in einigen Regionen in Deutschland: in einigen Landesverfassungen sind so genannte nationale Minderheitensprachen, wie Dänisch und Sorbisch, anerkannt und unter Schutz gestellt. Die Bedingung für die Anerkennungin diesen Fällen ist die Altansässigkeit einer Sprache und ihrer Sprecher, verbunden mit der deutschen Staatsbürgerschaft. Die Rechte aber, die man aus dieser Anerkennung ziehen kann, sind keineswegs allgemein, sondern sie gelten nur in fest umgrenzten Gebieten und nur in Bezug auf die Minoritäten selbst.

Es gibt einen anderen Modus, Sprachen Legitimität zuzuerkennen: den, sie in den offiziell gültigen Kanon der Schulfremdsprachen aufzunehmen. So gelten etwa das Englische oder das Französische hier zu Lande als legitime Sprachen, weil sie Teil des offiziellen Bildungssystems sind und ihre Aneignung von diesem System gesteuert und kontrolliert wird. Die Beherrschung solcher Sprachen gilt als Bildungswert; das ist der Grund für ihre Legitimität. Mehrsprachigkeit mit solchen Sprachen ist akzeptiert und geachtet. Aber Mehrsprachigkeit ist keineswegs unter allen Umständen gesellschaftlich anerkannt. Die Bedingungen, die für die Anerkennung nötig sind, können speziell von Zuwanderern, die in mehreren Sprachen leben, meist nicht ohne weiteres erfüllt werden. Die mitgebrachten Sprachen der Zuwanderer unterliegen nämlich in Deutschland üblicherweise nicht den traditionell legitimierenden und damit zugleich marktwerterhöhenden Mechanismen. Diese Sprachen besitzen weder einen besonderen rechtlichen Status, durch den sie Legitimität erlangen würden, wie etwa das Sorbische oder das Dänische, noch haben sie das Glück gehabt, in den Kanon der schulischen Fremdsprachen aufgenommen und dadurch legitimiert zu werden. Das öffentliche deutsche Bildungswesen hat für den Ausbau und die Pflege dieser Sprachen keine Verantwortung übernommen -- oder so gut wie keine. Sie wurden nicht zum regulären Teil des Unterrichtsangebots erklärt. Es gibt Unterricht in diesen Sprachen in ausgewählten Regionen für ausgewählte Sprachen in einigen Schulformen oder Schultypen, aber in diesen Fällen sind sie nicht legitime Sprachen von üblichem Rang, sondern sie sind ein gering geschätztes schulisches “Sonderangebot”. Ein Angebot, das unter anderem deshalb als minderwertig gilt, weil es sich prinzipiell nicht an die Allgemeinheit richtet, sondern nur an die Nichtdeutschen.

In diesem Sinne also sind die Sprachen der Zugewanderten auf deutschem Boden illegitime Sprachen. Die Praxis, diese Sprachen alltäglich zu gebrauchen, neben dem Deutschen oder zusammen mit dem Deutschen, gilt in der deutschen Öffentlichkeit als illegitimer Sprachgebrauch. Ein Beispiel solch illegitimer Sprachpraxis stammt von einer jungen Deutschen namens Aziza A, einer jungen Berlinerin. Sie sagt von sich selbst, dass sie diese Stadt liebt, weil sie hier ihre Freuden und ihre Leiden erlebt.

[An dieser Stelle wurde auf der Tagung ein Ausschnitt aus einem Türkisch und Deutsch gesungenen Stück Popmusik eingespielt.] Diese junge Berlinerin hat eine besondere Sprachkompetenz, die ihr inzwischen zu gutem Einkommen verhilft und sogar zu etwas Berühmtheit als Popkünstlerin. Sie hat aus ihrer Mehrsprachigkeit Kapital geschlagen. An Beispielen wie diesem sieht man aus meiner Sicht die zunehmende Fragwürdigkeit der Bewertungsmaßstäbe, mit denen hier zu Lande mit Mehrsprachigkeit umgegangen wird. Man sieht außerdem, dass vielleicht das Umgehen mit Mehrsprachigkeit in der Veränderung begriffen ist.

 

Wir sind möglicher Weise am Anfang einer Entwicklung, in der die Sprachen von Zugewanderten Legitimität erlangen können. Es gibt verschiedene Mechanismen, die daran mitwirken. Einen solchen Mechanismus möchte ich kurz vorstellen.

Wir wissen aus der Forschung, dass grenzüberschreitende Wanderung heute immer seltener als ein einmaliger und abgeschlossener Prozess vollzogen wird. Aus diesem Grunde ist auch die Rede von den “Generationen” in Bezug auf die europäische Migration nicht sinnvoll. Die Vorstellung, dass die “erste Generation” die Wanderergeneration sei, die “zweite Generation” die schon im Land geborenen und die “dritte Generation” die “integrierten” Kindeskinder seien, trifft auf moderne Migrationen immer weniger zu. Zu beobachten ist stattdessen, dass Migranten auf vielfältige Weise die Verbindung zur Region der Herkunft offen halten: zum einen zu den Menschen und Institutionen dort, zum anderen zu Menschen aus der Region der Herkunft, die woandershin gewandert sind. Dieses Offenhalten schließt auch ein, dass man einmal oder wiederholt im Gebiet der ursprünglichen Auswanderung für kürzere Zeit oder für längere Zeit lebt oder in ein drittes Gebiet geht. Das Aufrechterhalten von Kontakt zur Region der Herkunft ist sicherlich keine neue Praxis von Migranten, das gibt es eigentlich schon solange es Migration gibt. Inzwischen sind aber die Möglichkeiten dieses zu tun, enorm gewachsen. Die Fülle und Qualität der Möglichkeiten für Menschen, gleichsam ortlos zu leben, Kontakt zu Menschen anderswo in der Welt vergleichsweise mühelos zu haben und aufrechtzuhalten, hat sich durch die technischen Entwicklungen, die sich vollzogen haben, dramatisch verändert. Wir haben Transportmöglichkeiten, die uns in kürzester Zeit das Hin und Her erlauben und die inzwischen auch für viele erschwinglich sind. Und wir haben die technischen Kommunikationsmöglichkeiten, die es uns ermöglichen, nicht einmal selbst den Ort zu wechseln, um im Kontakt mit Menschen anderswo zu bleiben.

Zusätzlich gefördert wird diese Entwicklung dadurch, dass eine Reihe der Rechtsregelungen, die den Menschen traditionell Sesshaftigkeit in einem Nationalstaat nahe gelegt haben, inzwischen in Veränderung begriffen sind. Für uns im europäischen Kontext ist wahrscheinlich die wichtigste dieser Veränderungen die Bestimmung zur Freizügigkeit im Rahmen der Europäischen Union, die ja weiter wachsen wird. Andere vergleichbare Verabredungen wird es demnächst sicher auch auf anderen politischen Ebenen geben. Als Folge solcher Entwicklungen entstehen - wie wir sagen -transnationale soziale Räume. Als Sozialraum wird üblicherweise etwas ortsgebundenes bezeichnet. Die transnationalen sozialen Räume aber sind ortsungebunden. Es sind Lebensräume, in denen sich dauerhafte Formen von sozialer Positionierung entwickeln. In ihnen sind soziale Strukturen und Institutionen vorhanden , die man üblicher Weise nach unseren Traditionen als ortsgebunden gedacht hat. Dazu zählen etwa Grundbesitz an verschiedenen Orten und dadurch Teilhabe am gesellschaftlichen Leben an verschiedenen Orten, die Einbindung in familiale Netzwerke an verschiedenen Orten bis hin zu offiziell legitimierten Ausbildungsmöglichkeiten an verschiedenen Orten, beispielsweise für Jugendliche, wie in Deutschland die binationalen Ausbildungsgänge, die wir inzwischen an einigen Stellen haben. Diese Entwicklung ist nicht nur in den europäischen Staaten zu finden, sondern auch in den so genannten klassischen Einwanderungsländern. Und das Aufregende an dieser Entwicklung ist, dass man endlich zur Kenntnis nehmen muss: Integration in die aufnehmende Gesellschaft und die Verbindung zur abgebenden Gesellschaft, zu Menschen oder Institutionen von dort, stehen einander überhaupt nicht im Wege . Sie sind keine Gegensätze und schon gar nicht unvereinbar, sondern es entwickeln sich Ausdrucksformen von neuen und normalen Lebenswirklichkeiten für eine wachsende Zahl von Menschen. Für diese Menschen ist die Pflege von mehr als einer Sprache und die Bindung an mehr als eine kulturelle Tradition nicht nur üblich, sondern sie ist geradezu die unabdingbare Voraussetzung für gesellschaftliche Teilhabe.

 

Nun zum zweiten Teil meines Beitrags.

Uns interessiert in unserer Forschung vor allem, wie Kinder und Jugendliche aus mehrsprachigen zugewanderten Familien diese sprachlich-kulturelle Lage meistern. Einerseits erleben sie, dass ihre Mehrsprachigkeit nicht anerkannt wird. Sie erfahren eine Geringschätzung ihrer Sprachkompetenzen und stellen sich darauf ein. Andererseits zeigen unsere Untersuchungen, dass sie ungeachtet dessen und ohne damit in Konkurrenz zu treten ganz enge Bindungen an die Sprachen der Familien entwickeln und sie so intensiv pflegen, wie es den Umständen entsprechend möglich ist. Wir haben zahlreiche Nachweise dafür, dass die Vitalität der Sprachen Zugewanderter in den europäischen Einwanderungsstaaten außer Zweifel steht. Wir haben gerade die erste Untersuchung darüber abgeschlossen, wie viel Sprachen in einer Region vorhanden sind. Das ist die Region Hamburg und da haben wir ungefähr 100 Sprachen unter Schulkindern im Primarbereich gefunden. Diese Mehrsprachigkeit wird nach unseren Forschungsergebnissen in den Familien intensiv gepflegt, und zwar nicht in Konkurrenz zum Deutschen. Wir gehen auch der Frage nach, unter welchen Umständen mehrsprachige Lebenspraktiken wie diese in den europäischen Gesellschaften oder in der deutschen Gesellschaft legitimiert werden können, unter welchen Umständen sie eine öffentliche Wertschätzung erfahren können.

Ein Schwerpunkt sind Untersuchungen, die wir mit Jugendlichen durchgeführt haben. Wir sind der Frage nachgegangen, wie sie ihre familiale Mehrsprachigkeit werten, wie sie sie verwerten und was sie für ihre Zukunftsplanung bedeutet. Ich möchte einige Ergebnisse aus einer Untersuchung von meiner Mitarbeiterin Sara Fürstenau vorstellen, die zu dem Thema ihre Dissertation verfasst hat. Sie verfolgte diese Frage am Beispiel von Jugendlichen portugiesischer Herkunft, die in Hamburg leben. Betrachtet wird in dieser Untersuchung vor allem die Schwelle zwischen Schule und Beruf. Sie hat Jugendliche nach den Erfahrungen und den Möglichkeiten befragt, die sie sehen, mit ihrer deutsch-portugiesischen Mehrsprachigkeit im Berufsleben umgehen und aus dieser Mehrsprachigkeit Kapital schlagen zu können. Wir haben die Erinnerungen, die Hoffnungen und die Wünsche dieser Jugendlichen aus der Perspektive untersucht, ob die an den Nationalstaat gebundenen Formen der Legitimierung von Sprachen und Sprachpraxis, die bislang geläufig sind, durch das Entstehen der transnationalen sozialen Räume Konkurrenz erhalten.

Ich stelle das Beispiel einer jungen Frau aus dieser Untersuchung vor, die wir Claudia genannt haben, was selbstverständlich nicht ihr richtiger Name ist. Sie ist eine von 27 von Sara Fürstenau befragten Jugendlichen portugiesischer Herkunft. Als Claudia befragt wurde, war sie 16 Jahre alt. Sie ist wie ihre Geschwister in Hamburg geboren. Ihre Sommerferien hat die Familie regelmäßig in Portugal verbracht, Claudia hat neben der “normalen Schule” - wie sie die deutsche nennt - zehn Jahre lang den so genannten portugiesischen Nachmittagsunterricht in Hamburg besucht. Das ist ein Unterricht, der von der katholischen Kirche angeboten wird. Hamburg gehört zu den Bundesländern, die den muttersprachlichen Unterricht für zugewanderte Kinder nicht in eigener Regie durchführen, sondern durch die Konsulate der Herkunftsländer durchführen lassen oder durch andere Initiativen oder Verbände. Das ist in ungefähr der Hälfte der Bundesländer der Fall.

Claudia hat in ihrem Interview zunächst ihr sprachliches Aufwachsen geschildert. Für sie waren von Anfang an sowohl das Portugiesische als auch das Deutsche als Sprachen der Familie von Bedeutung. Die Eltern haben in der familialen Spracherziehung beide Sprachen verwendet. Das ist nicht üblich, aber vielfach gebräuchlich. Parallel zum Eintritt in die deutsche Schule wurde Claudia in der portugiesischen Nachmittagsschule angemeldet. Man kann ermessen, welchen Stellenwert sie diesem Nachmittagsunterricht beimisst, wenn man bedenkt, dass sie diese Schule drei Tage in der Woche zehn Jahre lang besucht hat. Sie zeigt also eine hohe Investitionsbereitschaft in die mitgebrachte Sprache der Familie. Wir haben ergänzend eine quantitative Untersuchung unter portugiesischsprachigen Jugendlichen durchgeführt; befragt wurden ca. 170 von ihnen, also ein recht großer Anteil dieser Jugendlichen. In Hamburg leben insgesamt ungefähr 1000 Kinder und Jugendliche portugiesischer Herkunft. Mehr als 80 Prozent der Befragten haben über längere Zeit freiwilligen Nachmittagsunterricht besucht.

Nach Claudias Auskunft stieg die Wertschätzung dieses Unterrichts für sie im Laufe ihres Schülerinnenlebens. Je älter sie wurde, desto mehr schätzte sie den Unterricht nicht zuletzt deshalb, weil er auch Kontakte zu anderen portugiesischsprachigen Jugendlichen bot.

Claudia hat von ihrem Besuch des Portugiesisch-Unterrichts zunächst einmal nicht besonders profitiert. Sie hat bislang keine besonders positiven Wertschätzungen dadurch für ihren Berufseinstieg erfahren. Das liegt daran, dass ihre Fähigkeit des Portugiesischen nicht durch ein übliches Zertifikat geadelt ist. Sie hat ja diese Sprache nicht als Fremdsprache unter strenger schulischer Kontrolle erworben . Sie führt vielmehr ein Leben in dieser Sprache. Für Claudia erfüllen ihre beiden Lebenssprachen ganz unterschiedliche Kommunikationswünsche.
Portugiesisch spricht sie eigentlich nur innerhalb der Familie. Mit ihren Freundinnen und Freunden spricht sie lieber deutsch.

Claudias sprachliche Praxis zeichnet sich durch etwas aus, was wir sprachliches Grenzgängertum nennen. Damit sind unreine sprachliche Praktiken gemeint - Praktiken, in denen die Sprachen einander begegnen, in denen sie sich durchmischen und gegenseitig durchdringen. Das Deutsche und das Portugiesische verschmelzen in Claudias informeller Sprache mit Gleichaltrigen ihrer Herkunft zu einem Jargon. Diese Ausdrucksformen werden von Menschen, die einen monolingualen Habitus besitzen - und das sind hierzulande die meisten - als befremdlich und als inkorrekt betrachtet. Diese Ausdrucksformen besitzen aber einen legitimen Geltungsbereich im Bereich derjenigen, die sie gemeinsam benutzen: das ist die Gemeinschaft der Gewanderten. Im Moment kann man leider nur feststellen, dass dieser Geltungsbereich diesen Formen des Ausdrucks Legitimität nicht sichert, sondern eher die Zuerkennung von Legitimität behindert.

Claudia ist sich der begrenzten Legitimität ihres Sprachvermögens sehr bewusst. Sie vergleicht zum Beispiel ihr eigenes Portugiesisch mit dem ihrer Schwester, die seit zwei Jahren wieder in Portugal lebt. Ihre Schwester, sagt sie, höre sich ein bisschen intellektueller an. Sie benutzt Begriffe, von denen Claudia nicht weiß, was sie bedeuten. Auf jeden Fall sei zu merken, dass sie schon zwei Jahre wieder in Portugal lebt. Claudia kennt nur das Portugiesisch, das unter den Portugiesen “hier” – in Hamburg also - gesprochen wird. Die Spezifik des Portugiesischen als Migrantensprache hat für ihren Sprachbesitz also klare Konsequenzen. Die Variante, die ihr geläufig ist und die sie alltäglich benutzt, ist funktional anerkannt und sie ist angemessen unter den Portugiesen hier. Das ist zwar eine gute Grundlage für die Aneignung des Portugiesischen in der Variante, die auch auf dem angestammten Territorium dieser Sprache, also etwa in Portugal, anerkannt wäre. Aber Claudia sieht, dass das Portugiesische dort ein anderes Niveau aufzuweisen hätte, zum Beispiel eine intellektuellere Sprache wie die, über die die große Schwester verfügt. Claudia kann also die Unterschiede zwischen dem Portugiesisch, das sie in Hamburg erworben hat und gebraucht und dem Portugiesisch in Portugal sehr gut einschätzen und sie kennt die unterschiedliche Reichweite, die unterschiedliche Wertschätzung dieser Varianten.

Claudia hat insgesamt ein gutes sprachliches Selbstbewusstsein und sie hat eine sehr positive Einstellung gegenüber der eigenen lebensweltlichen Mehrsprachigkeit. ir haben uns gefragt, wie es sich mit der Legitimität ihrer Spracherfahrung verhält, wenn diese von außen betrachtet wird. Zum einen stellt sich die Frage nach der Legitimität dieser Spracherfahrung in der Schulkarriere. Als das Interview durchgeführt wurde, war sie soeben dabei, die Realschule erfolgreich abzuschließen. Sie schildert, dass sie eine positive, freundliche Bewertung ihrer Mehrsprachigkeit durch Lehrerinnen und Lehrer erfahren hat. Wir haben sie gefragt, ob ihre Lehrer sich dafür interessiert haben, dass sie zweisprachig ist. Das hat sie bejaht. Ihre Lehrer redeten schon darüber, sagte sie, weil sie auch im Französischen und Englischen gut sei; sie fänden es schön, dass sie so viele Sprachen so gut beherrsche.

Claudia fühlt sich von ihren Lehrkräften als Mehrsprachige anerkannt und hat sogar den Eindruck gewonnen, vor Jugendlichen aus nichtgewanderten deutschsprachigen Familien einen Vorteil zu haben. Bei genauerem Hinsehen aber hat sie die Anerkennung ihrer sprachlichen Fähigkeiten nur unter ganz bestimmten Bedingungen erfahren. Sie erzielt nämlich gute Leistungen in den legitimen Schulsprachen Englisch und Französisch und auch im Deutschen. Das ist wahrscheinlich sogar der eigentliche Grund für die positive Bewertung ihrer familialen Mehrsprachigkeit durch Lehrerinnen und Lehrer. Eine der Bedingungen dafür, wie es zur Wertschätzung der lebensweltlichen Mehrsprachigkeit Zugewanderter kommen kann, liegt anscheinend darin, dass sie erfolgreich in den legitimen Sprachen sind.

Zaghafte Hinweise auf andere Bedingungen dafür, dass auch in den Augen von Lehrkräften die Kompetenzen in der “illegitimen Sprache” Wertschätzung erfahren, sind aus anderen Erinnerungen Claudias zu lesen. Sie denkt zum Beispiel gerne an einen Lehrer zurück, der Portugiesisch gelernt und auch im Unterricht immer einmal Portugiesisch gesprochen hat. Er habe sich für ein Jahr beurlauben lassen und lebe für diese Zeit in Portugal. Sie schildert, dass er auch in den Pausen mit Claudia Portugiesisch gesprochen habe. Das eigene Bestreben dieses Lehrers, die portugiesische Sprache zu lernen, hat also eine Aufwertung von Claudias Sprachkönnen mit sich gebracht. Der Lehrer scheint gerne in Portugal in Urlaub gewesen zu sein und hat sicher gute Erinnerungen an das Land. Dadurch hat er vielleicht mit Claudias Sprachkompetenzen angenehme Erinnerungen verbunden. Die praktische Verwertbarkeit für die Angehörigen der Majorität, möglichst noch in einem so positiv bewerteten Kontext wie Urlaub, könnte eine weitere Bedingung dafür sein, dass die Mehrsprachigkeit von Migranten Legitimität erlangt.

Auf jeden Fall haben Claudias Erfahrungen ihre Berufswünsche stark beeinflusst. Sie hat sich zunächst dafür interessiert, Hotelfachfrau oder Reisebürokauffrau zu werden. Da ist sie vielleicht auf einen Prospekt des Arbeitsamts in Hamburg hereingefallen, in dem steht, dass Jugendliche aus zugewanderten Familien sich für die Tourismus-Branche entscheiden sollten. Sie seien aufgrund ihrer Herkunft Experten für das Land, in das die Menschen reisen wollen. Wie viele von den Jugendlichen das Land nur aus eigenem Urlaub kennen, ist im Arbeitsamt wahrscheinlich nicht so recht klar . Claudia hat ein einziges Bewerbungsgespräch geführt. In diesem Gespräch hat sie erfahren, dass der Ausbilder zwar ihre Sprachkompetenzen mit Wohlwollen beAuf jeden Fall haben Claudias Erfahrungen ihre Berufswünsche stark beeinflusst. Sie hat sich zunächst dafür interessiert, Hotelfachfrau oder Reisebürokauffrau zu werden. Da ist sie vielleicht auf einen Prospekt des Arbeitsamts in Hamburg hereingefallen, in dem steht, dass Jugendliche aus zugewanderten Familien sich für die Tourismus-Branche entscheiden sollten. Sie seien aufgrund ihrer Herkunft Experten für das Land, in das die Menschen reisen wollen. Wie viele von den Jugendlichen das Land nur aus eigenem Urlaub kennen, ist im Arbeitsamt wahrscheinlich nicht so recht klar . Claudia hat ein einziges Bewerbungsgespräch geführt. In diesem Gespräch hat sie erfahren, dass der Ausbilder zwar ihre Sprachkompetenzen mit Wohlwollen betrachtet hat, gleichzeitig aber erklärte, dass sie ihr nicht nützen.

Daraufhin hat Claudia sich anders entschlossen. Sie hat sich bei einer Fremdsprachenschule angemeldet, bei der sie eine schulische Ausbildung zur Fremdsprachenkorrespondentin machen kann. Mit dieser Schulausbildung besitzt sie auch die Chance, ein Zertifikat für die Sprachkenntnisse zu erhalten, die im Moment noch ihre illegitime Sprache sind. Sie verfolgt dieses Ziel unter anderem bestärkt durch ihre Einbindung in ein transnationales Migrantennetzwerk. Sie ist häufig in Portugal und erlebt dort Freunde oder Verwandte, für die die Mobilität zwischen Portugal und anderen Ländern ebenso zur Lebensnormalität gehört. Claudia hat ein familiales Netzwerk mit portugiesischen Migrantinnen und Migranten in Deutschland, in der Schweiz, in Frankreich, in Brasilien, in den USA und in anderen Regionen. Diejenigen, die sie in Portugal trifft, sind oft Menschen, die anderswo in der Welt leben und für bestimmte Zeit wieder nach Portugal zurückkehren oder vorübergehend in Urlaub dort sind. Für Claudias und ihre Zukunftsplanung ist es völlig normal, dass sie damit rechnen muß, einmal oder mehrmals den Lebensort zu wechseln, wenn sie beruflich erfolgreich sein will.

Claudia wünscht sich auf längere Sicht, Fremdsprachenlehrerin in Portugal zu werden. Sie würde gerne Französisch, Deutsch und Englisch unterrichten. Auf die Frage der Interviewerin, warum sie in Portugal leben möchte, antwortet sie, dass sie es eigentlich nicht wisse.
Sie habe noch nicht probiert, dort zu leben, stelle sich das aber schön vor. Vor allem - sagt sie - habe sie da mehr Möglichkeiten als hier, weil sie Deutsch und auch Englisch könne. Damit besitze sie sehr gute Voraussetzungen für eine Berufslaufbahn.

Für Claudia würden sich also mit dem Wechsel des Lebensorts die sprachlichen Marktverhältnisse, in denen sie sich befindet, radikal ändern. Das Ansehen des Deutschen in Portugal ist hoch, es ist die Sprache eines reichen, einflussreichen Landes, das wichtig für die Geschicke der Europäischen Union ist. In Portugal ist das Deutsch von Claudia ein wertvolles zusätzliches Sprachkapital. Es ist umso wertvoller, weil es mit dem offiziellen Zertifikat der Schule in Deutschland gesegnet ist. Zugleich wäre in Portugal ihr Portugiesisch ungeachtet des vorerst nicht verfügbaren Zertifikats quasi in den Status der legitimen Sprache gehoben.Schließlich ist es die dort herrschende Nationalsprache, und man würde ihr wahrscheinlich einige Abweichungen verzeihen – wenigstens zunächst einmal..

Falls Claudia ihre Schulbesuchswünsche realisieren kann, wird sie zusätzlich eine offizielle Legitimierung ihrer Portugiesischkenntnisse erhalten und damit die Chance, dass das Portugiesische auch einen Wert für das Arbeitsleben außerhalb Portugals gewinnen kann, weil sie es als formale Qualifikation in den Beruf einbringen kann. Ihre Englisch- und Französischkenntnisse würden wahrscheinlich in dem Fall nicht an Wert verlieren, aber in der Wertskala sicherlich nach hinten rücken, denn sie sind Sprachen, die sie nur gelernt hat, aber in denen sie nicht lebt. Die Vorzeichen beim Bemessen des Werts von Sprachen, zu denen sie Zugang hat, ändern sich also, wenn sie den Lebensort wechselt.

Soweit Claudias Hoffnungen, Erinnerungen, Wünsche. Wir wissen noch nicht, ob sich die Investitionen, die sie in den Ausbau ihrer Sprache getätigt hat, für sie auszahlen werden, sie ist gerade am Anfang dieses Weges. Unter den gegebenen Umständen, die Claudia sehr klug beobachtet, wird eine Kompetenz erst mit dem Zertifikat zur legitimen Kompetenz. Der bloße Gebrauchswert einer Sprache, verstanden als praktischer Nutzen für die Kommunikation zwischen Menschen, spielt eine geringe Rolle für ihren Tauschwert und für die allgemeine Akzeptanz, die der Sprache entgegengebracht wird.

Das hat Konsequenzen:

Der offizielle Umgang, den sich Deutschland mit den Sprachen Zugewanderter leistet, trägt Züge von Kapitalvernichtung.
Eine Sprachpolitik und Sprachbildungspolitik , die nicht auf Kapitalvernichtung setzen würde, sondern auf die Vermehrung des sprachlichen Reichtums in Deutschland, könnte aus dem Vollen schöpfen. Sie müsste sich nur darum bemühen, die unter den Menschen vorhandenen sprachlichen Fähigkeiten aufzugreifen und anzuerkennen, sie zur Entfaltung zu führen und ein Klima zu schaffen, in dem jeder Mann oder jeder Frau die sprachliche Vielfalt um sie oder um ihn herum im Stande ist, als Reichtum zu erleben.

 

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