Zur Verantwortung transnationaler Unternehmen (Sozialverantwortung, Codes of Conduct)
Wenn wir von der sozialen Verantwortung transnationaler Unternehmen sprechen, dann nicht nur über Sozialleistungen. Für den Volkswagenkonzern heißt das auch, nicht einmal eben in einen Standort zu investieren und nach kurzer Zeit zu verschwinden. Für uns heißt das, stabile Arbeitsverhältnisse zu schaffen, Lern- und Lebensverhältnisse mit zu gestalten und zu beeinflussen und diese mit den Mitarbeitern in dem jeweiligen Land - in diesem Fall ist es Polen - gemeinsam zu erarbeiten. Wir wollen das für die Beschäftigung tun aber auch für die Region, in der wir tätig sind, um die Lebensbedingungen in der Region abzusichern.
Der Volkswagenkonzern ist aber auch ein Konzern, der sich dem Umweltschutz verschrieben hat. Umweltschutz, Umweltpolitik sind in unserem Konzern Bestandteil der Unternehmenspolitik. Dies geschieht aus dem Wissen heraus, wonach ein schonender Umgang mit der Umwelt dazu führt, dass unsere Kinder und Enkelkinder immer noch eine Lebens- und Arbeitsgrundlage in dem Umfeld haben, wo wir tätig sind. Diese Zielsetzung findet sich – wenn auch unterschiedlich formuliert - in allen Gesellschaften, an allen Standorten des Volkswagenkonzerns wieder.
Entscheidend für uns sind die Menschen. Nun kann ich aber nicht mit jedem einzelnen Menschen kommunizieren. Das, was wir als unsere Personalphilosophie bzw. Unternehmensphilosophie bezeichnen, kann ich nur mit denen umsetzen, die die Menschen vertreten. Und da hat sich bei Volkswagen eine Mitbestimmungskultur herausgebildet, die maßgeblich zum Erfolg des Konzerns beigetragen hat. Sie ist eine wesentliche Grundbedingung für die Erreichung unserer Ziele. Das gilt auch für Polkowice, wo dies noch nicht sehr ausgeprägt ist. Unsere Philosophie ist, miteinander zu arbeiten. Die Zeit des Gegnerbezugs zwischen Arbeitnehmervertretung respektive Gewerkschaften und Unternehmensführung ist seit vielen Jahren überwunden. Wir sind aus dem Gegnerbezug zu einer kooperativen Konfliktbewältigung gekommen. Das heißt, Zusammenarbeit bedeu-tet auch, dass wir aktiv und kooperativ die Gegenwart gestalten, um damit die Zukunft zu sichern.
Im Volkswagenkonzern wird von den Arbeitnehmervertretern häufig auch von Ko-Managern gesprochen, was jedoch nicht zutrifft. Aber Tatsache ist, dass die Arbeitnehmervertreter, wie auch die Unternehmer, Verpflichtungen haben. Zum einen die Unternehmensziele, zum anderen die Menschen. Ohne dieses Zusammenspiel geht es nicht.
Wir sprechen immer davon, dass der Volkswagenkonzern eine nahezu streikfreie Zone ist. Streikfreie Zone bedeutet, dass wir uns im Vorfeld mit den anstehenden Problemen auseinandersetzen. Das hat sich auch in einer Vereinbarung niedergeschlagen, die wir 1991 auf europäischer Ebene getroffen haben. Wir waren das erste Unternehmen, das in Europa einen europäischen Konzernbetriebsrat gegründet hat. Wesentliche Merkmale, die Volkswagen mit seinem Konzernbetriebsrat vereinbart hat, sind in die EU- Richtlinie über Euro-Betriebsräte eingeflossen. Aus diesem europäischen Betriebsrat ist inzwischen ein Weltkonzernbetriebsrat geworden, der einmal im Jahr tagt. An diesem Treffen nehmen der gesamte Konzernvor-stand und Arbeitnehmervertreter aus allen Standorten teil. Hier werden das Unternehmensgeschehen präsentiert, kritisch hinterfragt und auch Probleme diskutiert.
Worum geht es in diesem Gremium? Wir wollen den sozialen Dialog, das heißt die Auseinandersetzung mit den Problemen, die wir in den einzelnen Standorten mit den jeweiligen Gegebenheiten haben, ob sie politischer oder wirtschaftlicher Natur sind. Diese diskutieren wir gemeinsam, um miteinander eine tragfähige Lösung zu finden. Denn alles das, was wir diskutieren, betrifft immer die Beschäftigten entweder positiv oder auch schon einmal negativ. Etwas, was für uns einen hohen Stellenwert hat, ist die strikte Rücksichtnahme auf die nationale Gesetzgebung, etwa bei den Mitbestimmungsrechten. Wir gehen, wenn es dem Unternehmen und seinen Beschäftigten nützt, auch darüber hinaus und agieren nicht auf der Minimalebene. Das tun wir auch nicht in Polen. In Polen gibt es ein Gewerkschaftsgesetz, in dem die Rechte der Betriebsgewerkschaften geregelt sind. Dies sind Mindestbedingungen, doch maßgebend für mich ist unsere Betriebsgewerkschaft. Ich bin selber Mitglied von Solidarnosz, was für mich selbstverständlich ist, aber auch als Beispiel für die Belegschaft dienen soll. Es wurde übrigens in der Zentrale in Warschau entschieden, ob ich als Ausländer und dann noch als Manager Mitglied werden kann.
Soziale Verantwortung des Unternehmens erfordert in erster Linie das Zusammenspiel beider Parteien. Die Unternehmensführung und die Beschäftigten, vertreten durch ihre Organe, müssen zusammenarbeiten. Die Mitarbeiter können ihre Vertretung frei wählen, da üben wir natürlich keinerlei Einfluss aus. Manche haben nicht verstanden, dass es besser ist, eine einheitliche starke Vertretung zu haben, als viele unterschiedliche.
Wenn die Beschäftigten in verschiedenen Gruppen organisiert sind, schwächen sie sich selbst und nicht das Unternehmen. Das ist eine Binsenweisheit. In Polen, sowohl in Posnan, als auch in Polkowice haben wir eine Gewerkschaft im Betrieb, die unsere polnischen Kolleginnen und Kollegen vertritt und mit der wir sehr gut auskommen.
Ein sozial verantwortliches Unternehmen streckt die Hand aus, macht den ersten Schritt, um auf die Arbeitnehmervertretung zuzugehen und über soziale und andere Belange zu diskutieren. Das bedeutet nicht, im Konzern alles gleichzumachen, die gleichen sozialen Bedingungen in Deutschland, Polen und Spanien zu schaffen. Die nationalen Unterschiede spielen schon eine Rolle. Aber die Grundprinzipien müssen stimmen.
Volkswagen ist ein Konzern, dessen Philosophie in die Richtung geht, dass Entlassungen, ob individuell oder kollektiv, das absolut letzte Mittel sind. Es kam in der Geschichte allerdings hin und wieder vor. Im Prinzip aber kennt Volkswagen keine Massenentlassungen. Es gibt ein berühmtes Beispiel dafür in Deutschland, das viel gelobt und viel geschmäht wurde. Wir hatten 1993 elementare Schwierigkeiten. Es gab viele Gründe dafür, teilweise hausgemacht, teilweise weltwirtschaftlich, teilweise länderspezifisch, die sich extrem negativ auswirkten. Wir standen vor der Situation, dass wir in Deutschland, und zwar in Niedersachsen 30.000 aus rein wirtschaftlichen, also unternehmerischen Gründen Mitarbeiter hätten entlassen müssen. Das haben wir nicht getan, sondern mit der IG Metall in schwierigen Verhandlungen eine Viertagewoche vereinbart, die bis heute mehr oder weniger gilt.
Wir haben die Arbeitszeit um ein Fünftel reduziert. Damit waren auf einen Schlag 20.000 Arbeitsplätze abgesichert. Mit einigen anderen Maßnahmen haben wir die restlichen 10.000 abgesichert. Dieses Vorgehen war bis dahin einmalig in Deutschland. Inzwischen haben wir ein ähnliches Modell auch in Brasilien umgesetzt, gleichwohl gibt es dort schon wieder einige Schwierigkeiten. Die Reduzierung in Brasilien war keine Einbahnstraße, vielmehr haben sich Unternehmen und Gewerkschaften zusammengesetzt und eine gemeinsame Lösung gefunden. Was jetzt an Reduzierung auf der einen Seite erforderlich war, musste sich auf der anderen Seite letzten Endes auch bei den Einkommen niederschlagen. Ich will nicht sagen, dass die Reduzierung brüderlich geteilt wurde, aber die Mitarbeiter waren bereit, Abstriche zu machen, und das ist das Maßgebliche. Das zeigt die soziale Verantwortung, die beide Seiten haben, um Arbeitsplätze zu erhalten. Wir haben einen Weg gefunden, den die Mitarbeiter mitgehen konnten. Sie verdienen im Monat nicht weniger, aber auf das Jahr umgerechnet gibt es Abstriche, weil Sonderzahlungen reduziert wurden. Damit haben die Beschäftigten ihren solidarischen Beitrag geleistet. So manifestiert sich für mich am ehesten, wie intensiv unser Konzern sich bemüht, den Begriff soziale Verantwortung in der täglichen Praxis mit Leben zu füllen und sie zu realisieren.
