Diskussionsrunde
Erhard Pusch, Geschäftsführer der
Agentur für berufliche Weiterbildung in Stuttgart,
Armin Leurer vom Berufsfortbildungswerk und Jens Nieth vom DGB Bildungswerk. Moderiert wurde die Diskussion von Bernd Mansel, Medienbüro Arbeitswelt, Berlin.
Der Leitfaden in der Diskussion war, berufliche Teilhabe konkret zu gestalten, wobei gerade zum UN-Tag der Menschenrechte Teilhabe durchaus als Menschenrecht zu begreifen ist. In einer ersten Runde stellten die Experten sich bzw. ihr Arbeitsfeld vor.
Erhard Pusch ist Geschäftsführer der Agentur für berufliche Weiterbildung. Diese wurde gemeinsam von den Arbeitgebern und Gewerkschaften in Baden-Württemberg gegründet, und zwar auf der Grundlage eines Tarifvertrags zur Weiterbildung in der Metall- und Elektroindustrie. Die Agentur befindet sich noch in der Gründungsphase. Die Aufgabenstellung ist im Qualifizierungstarifvertrag festgeschrieben. Die Agentur soll die Arbeitgeber und die Betriebsräte bei der Weiterbildung beraten und Weiterbildungsmodelle dort ausarbeiten, wo es sie noch nicht gibt. Daneben hat die Agentur die Aufgabe, Qualitätsstandards zu entwickeln, um Weiterbildungsmaßnahmen zertifizieren zu können. Es gibt in Baden-Württemberg eine Vielzahl von Weiterbildungsmaßnahmen und Weiterbildungsträgern. Dieses Dickicht ein wenig zu lichten, damit die Betriebe gezielt auf das zugreifen können, was für sie wichtig und qualitativ angemessen ist, geht die Agentur gleichermaßen an.
Armin Leurer kommt vom Berufsfortbildungswerk und führt in Dietz, im
Norden von Rheinland-Pfalz, ein Projekt für AussiedlerInnen durch, bei dem Spracherwerb und berufliche Ausbildung kombiniert werden. Die TeilnehmerInnen haben vormittags Sprachunterricht, der in Klassen erteilt wird. Nachmittags gehen sie in die Fachwerkstätten und erhalten dort eine fachpraktische Ausbildung. In den Werkstätten erweitern sie auch ihre Sprachkenntnisse um die entsprechenden Fachbegriffe, und sie lernen dort auch umgangssprachliche Elemente. Die Einrichtung verfügt über 50 Plätze. Das Modell wird seit zehn bis zwölf Jahren recht erfolgreich praktiziert. Allerdings läuft es aus und wird Mitte 2003 abgeschlossen sein. Grund dafür ist die Umorganisation bei der Sprachförderung und der Wechsel der Trägerschaft.
Jens Nieth vom Bereich Migration und Qualifizierung beim DGB Bildungswerk zeigte einige Ansätze auf, wie Teilhabe konkret organisiert werden kann und welche Hilfestellung der Bereich Migration und Qualifizierung dafür bietet. So gibt es zum Beispiel Kurse zum Thema Chancengleichheit im Betrieb. Da wird zunächst einmal die Frage nach der Beteiligung von MigrantInnen im Betrieb aufgeworfen - in welchen Bereichen arbeiten sie, in welchen Lohngruppen sind sie beschäftigt, gibt es Diskriminierung im Betrieb, sei es struktureller oder persönlicher Art. Daran anknüpfend werden gemeinsam mit den TeilnehmerInnen Handlungsmöglichkeiten erarbeitet, wie die Situation verbessert werden kann. Daneben gibt es Seminare und Hilfestellungen, wie über gesetzliche Möglichkeiten oder Betriebsvereinbarungen die Gleichstellung vorangetrieben werden kann. Ein anderes Feld ist die Seminarreihe Islam in der Arbeitswelt. Hier geht es darum, wie der Islam als Religion seinen Platz im Arbeitsalltag finden kann. Nötig sind dazu zunächst Grundinformationen über den Islam, die den meisten deutschen und ausländischen KollegInnen nicht-muslimischen Glaubens fehlen. Daneben werden Alltagsprobleme muslimischer KollegInnen diskutiert.
Um sich in der Frage Integration mit anderen austauschen und vernetzen zu können, wurde der Arbeitskreis Integration ins Leben gerufen, der beim DGB Bildungswerk angesiedelt ist. Diesem Arbeitskreis gehören alle DGB-Gewerkschaften an und alle Bildungsträger, die von den Gewerkschaften getragen werden oder an denen sie beteiligt sind.
Um den Anteil Jugendlicher mit Migrationshintergrund in einer Ausbildung zu steigern, ist es von zentraler Bedeutung, die jeweilige Fachsprache zu beherrschen. Dieses Thema wurde von verschiedenen Seiten angesprochen. Es ist oft so - dies die Beobachtung eines Diskussionsteilnehmers -, dass Jugendliche mit Migrationshintergrund sich im Alltag durchaus gut verständigen können, aber mit der Fachsprache in der Ausbildung nicht zurecht kommen. Dies treffe auf das Handwerk wie auf Industrieberufe, den öffentlichen Dienst oder das Gesundheitswesen zu. Was da geschehen könne - so die leicht resignative Schlussfolgerung des Diskussionsteilnehmers - wisse er auch nicht.
Den großen Schritt, mit dem alles zu lösen sei - so ein anderer Teilnehmer -, gebe es sicher nicht, wohl aber kleine, die auch gegangen werden müssen. Einer sei angesichts zukünftiger Zuwanderung schon im Herkunftsland Basissprachkurse zu organisieren, damit die Menschen nicht gänzlich unvorbereitet hierher kommen. Hier muss dann bei der Einarbeitung, Ausbildung oder Weiterbildung das berufliche Lernen immer von parallelen Fachsprachkursen begleitet werden. Diese sollten überbetrieblich organisiert werden, wobei darauf geachtet werden muss, dass das Gelernte immer sofort in der Praxis angewendet wird.
Was Schwierigkeiten mit der Fachsprache für die Betroffenen bedeuten können, wurde an einem konkreten Beispiel geschildert. Ein Auszubildender mit Migrationshintergrund arbeitet im Betrieb eines kroatischen Gastronoms außerordentlich gut. Ihm droht aber der Ausschluss aus der Berufsschule, weil er sprachlich nicht ausreichend mitkommt. Entsprechend der Gesetzeslage würde der Ausschluss aus der Schule das Ende der Ausbildung bedeuten. In solchen Fällen müsste die Zusammenarbeit zwischen Betrieb und Schule deutlich verbessert werden, damit solchen Jugendlichen nicht der berufliche Weg verbaut wird.
Das Beispiel verweist aber auch auf einen anderen Zusammenhang. Nicht nur die Azubis müssen die Fachsprache lernen, sondern auch die Ausbilder, wenn es nichtdeutsche Betriebe sind. Erfahrungen damit gibt es etwa bei der Handelskammer in Köln, wo Kurse für die Eignung als Ausbilder nicht nur fachlich ausgerichtet sind, sondern auch großer Wert auf die deutsche Fachsprache gelegt wird.
Im Bereich der Gastronomie - es ging um kroatische Gastronomen - gab es zum Beispiel einen zusätzlichen zweisprachigen Dozenten, der die Fachsprache bearbeitet und Ausbildungsmaterial teilweise übersetzt hat. Herausgekommen ist dabei unter anderem ein Fachglossar in inzwischen fünf Sprachen, das auch über Köln hinaus verbreitet wird.
Die Fachsprache - so Erhard Pusch - spielt auch im Zusammenhang des Tarifvertrags über Weiterbildung eine Rolle. Bei Weiterbildung oder lebenslangem Lernen ist Fachsprache von Nöten. Zunächst aber ist es wichtig, dass überhaupt Weiterbildungsmaßnahmen für Un- und Angelernte konzipiert werden, da nämlich gebe es so gut wie gar nichts.
Diese Gruppe liegt aber mit 32 Prozent an den Beschäftigten weit über dem Bundesdurchschnitt. Allerdings - so Erhard Pusch - müsse unterschieden werden zwischen ArbeitsmigrantInnen, die nach Deutschland als Ungelernte gekommen sind oder ihre Ausbildung hier nicht verwerten können oder AusländerInnen, die hier aufgewachsen sind und keinen Schulabschluss und keine Berufsausbildung gemacht haben und Spätaussiedlern, die in der Regel über eine gute Ausbildung verfügen, diese aber auf Grund mangelnder Sprachkenntnisse nicht einsetzen können. Diese Gruppen arbeiten im Bereich der un- und angelernten Tätigkeiten. Wenn hier nichts geschieht, werden sie große Probleme auf dem Arbeitsmarkt bekommen, weil diese Arbeitsplätze in den nächsten Jahren massiv wegfallen werden.
Das heißt: Wer nicht in der Lage ist, eine Arbeitsanweisung lesen zu können und sie entsprechend umzusetzen, wird aus Sicht von Pusch in den nächsten Jahren auf dem Gebiet nicht überleben, überleben in der Form, dass er oder sie weiter in der Firma beschäftigt wird.
Pusch schilderte ein Beispiel:
Eine Firma in Wangen produziert Programmschalter für Waschmaschinen, Geschirrspüler und so weiter. Bislang waren das mechanische Schalter, künftig werden es verstärkt elektronische sein. Und das, was an mechanischen Schaltern bleibt, wird dann in Polen produziert. Die Arbeitsplätze - alles un- und angelernte Tätigkeiten - fallen weg.

Betroffen davon sind 22 Frauen, zum großen Teil Ausländerinnen. Die Firma geht nun nicht hin - wie es der Regelfall ist - und schließt die Abteilung, vereinbart einen Sozialplan und entlässt die Leute. Sie ist bereit, Weiterbildungsmaßnahmen anzubieten. Nun ist eine Frau darunter, die überhaupt kein Deutsch kann. Für die ist es natürlich schwierig im Betrieb einen Arbeitsplatz zu finden. Von daher ist es schon nötig, soweit Deutsch zu können, dass man eine Arbeitsanweisung lesen kann.
Generell zielen Weiterbildungsmaßnahmen auf eine Querschnittsqualifizierung, die es jenen möglich macht, in verschiedenen Bereichen eingesetzt werden zu können, die keine Chance haben, eine Berufsausbildung nachzumachen, die aber ein Arbeitsleben bestreiten müssen. Zumindest in der Metall- und Elektroindustrie ist ein solcher Querschnitt Voraussetzung, um einen Job zu bekommen. Deshalb soll ein modulares Weiterbildungsprogramm für Un- und Angelernte in Richtung Facharbeit entwickelt werden, das auch zertifiziert wird. Das ist keine Facharbeit an sich, wohl aber bietet es einen gewissen Abschluss. Und das bedeutet für die Menschen - gerade auch für Jugendliche - eine Aufwertung ihrer Tätigkeit, eine Aufwertung, die auch die Integration in Deutschland erleichtert. Denn hier ist nach wie vor der entscheidende Zugang zum Leben der Beruf. Hier ist schon die Fachsprache von großer Bedeutung, das Primäre ist aber, dass die Leute bereit sind, sich weiterzubilden und die Unternehmen bereit sind, einfache Weiterbildungstätigkeiten anzubieten. Da fehle - so Pusch - oft der Mut. Hier allerdings wird im Rahmen des Tarifvertrags nach Wegen gesucht, das zu fördern.
Der Begriff Fachsprache müsse - so Armin Leurer - etwas genauer mit Inhalten gefüllt werden. Der herkömmliche Sprachunterricht findet in einem Klassenraum statt, mit Lehr-büchern, die nicht unbedingt die Lebenswelt abbilden. Das Leben findet aber in hohem Maße in einer Werkstatt oder Produktionshalle statt. Dort kommunizieren Menschen miteinander, und zwar nicht unbedingt in Hochdeutsch. Es geht also um zwei verschiedene Sprachumgebungen und zwei verschiedene Lebenswelten, die relativ akademische im Klassenraum und die lebensnähere in der Werkstatt. Sich untereinander verständigen zu können, um die Arbeitsabläufe zu regeln, gehört auch zur Fachsprache. Und dann kommen die Begriffe hinzu, die zum Beispiel die Werkzeuge benennen, die in einer Schreinerei verwendet werden oder andere Begriffe, die im Arbeitsleben bzw. in einem bestimmten Beruf notwendig sind, aber im Klassenraum nicht vermittelt werden. Dies gelte - so Leurer - nicht nur für das Handwerk, sondern für die anderen Berufsbereiche auch.
Interessanterweise - so ein Einwand - gibt es im Gesundheitswesen und im Pflegebereich die Beobachtung, dass hier Menschen mit Migrationshintergrund die Fachsprache beherrschen. Wenn es hier Schwierigkeiten gibt, dann in der Schriftsprache.
Ergänzend verwies in der Diskussion Jens Nieth darauf, dass in den letzten anderthalb Jahrzehnten die berufliche Fachsprache sich erheblich verändert hat, komplizierter geworden ist. Ein Weg, jenen in der Berufsausbildung oder in einer Weiterbildung zu helfen, deren Erstsprache nicht Deutsch ist, liegt aus seiner Sicht darin, die Fachbegriffe für sie zu übersetzen, was an die erwähnte Erstellung eines Glossars anknüpfte. Daneben dürfe in der Frage der Sprache nicht erst in der Ausbildung angesetzt werden, sondern viel früher. Vom Kindergarten an sowie in der Schule müsse eine gezielte Förderung stattfinden, und zwar nicht abgekoppelt vom normalen Ablauf, sondern als integrativer Bestandteil des Unterrichts bzw. des Lernens im Kinder-garten. Das schließt eine Förderung des muttersprachlichen Unterrichts als wichtigen Bestandteil mit ein. Dies - so Nieth - sei deshalb von zentraler Bedeutung weil Sprachwissenschaftler zur Genüge festgestellt haben, dass man eine Zweitsprache erst dann wirklich lernen kann, wenn man seine Erstsprache richtig beherrscht. Es gibt heute das Phänomen eines doppelten Analphabetismus. Das heißt: Die Menschen beherrschen weder ihre Erstsprache richtig noch ihre Zweitsprache.
Die gezielte Förderung von Sprachkompetenzen sollte aus Sicht von Nieth durch das Erlernen interkultureller Kompetenzen ergänzt werden- und zwar sowohl bei den MigrantInnen wie bei der Mehrheitsbevölkerung. Das bezöge sich auch und besonders auf die Arbeitswelt. Hier lebten Menschen mit ganz unterschiedlichen kulturellen Hintergründen zusammen. Wenn dies gelinge, sei es auch leichter, die Vorteile der Mehrsprachigkeit der MigrantInnen als Wert zu erkennen und auszuschöpfen.
Einige der in der anfänglichen Diskussionsrunde aufgeworfenen Fragen wurden im weiteren Verlauf der Debatte noch einmal thematisiert. Eine war die Verknüpfung von Schule und Betrieb. Es gibt - so ein Hinweis - ausbildungsbegleitende Hilfen, die von der Arbeitsverwaltung gefördert werden. Das ist eine Art organisierter Nachhilfeunterricht im Bereich der Berufsschulen, mit dessen Hilfe gleichermaßen sprachliche wie Leistungsdefizite ausgeglichen werden. Daneben gibt es die Berufsvorbereitungsjahre, die ebenfalls eine Unterstützung sein können, auch wenn sie der Berufsausbildung vorausgehen.
Es gehe hierbei - so ein Einwand - weniger um das Vorhandensein bestimmter Nachhilfeprogramme, sondern darum, dass der Kontakt zwischen Berufsschule und Betrieb in der Regel nicht funktioniert. Und davon betroffen sind gleichermaßen Jugendliche mit Migrations-hintergrund wie deutsche Jugendliche. Die Ursache liegt darin, dass die beiden Organisationseinheiten im Rahmen ihrer Lehrpläne nicht aufeinander aufbauen und der Kontakt zwischen den LehrerInnen und AusbilderInnen nicht so ist, dass man von einer Kooperation sprechend könnte. Hier müsse eine andere Organisationsstruktur geschaffen werden. Lernen könnte man in diesem Zusammenhang von den vorbereitenden Maßnahmen des Programms Jump, in dessen Rahmen ausländische Jugendliche berufsfeldübergreifende Informationen und praktische Einführungen bekommen. Und dort, wo die Jump-Träger mit Betrieben zusammenarbeiten, wie etwa in Frankfurt und Umgebung, haben diese Jugendlichen, die im Jump-Programm gewesen sind, anschließend auch einen Ausbildungsplatz bekommen.
Ein anderer Diskussionspunkt knüpfte an das von Erhard Pusch geschilderte Beispiel an, wonach eine Ausländerin Deutsch lernen muss, um in der Firma versetzt werden zu können oder sie wird entlassen werden. Ein Diskussionsteilnehmer fand diese Konstellation ausgesprochen ungerecht. Als Anfang der 1960er Jahre die deutschen Anwerbungskommissionen in die Anwerbeländer kamen, haben sie nicht gesagt, dass es notwendig sei Deutsch zu können. Es wurde lediglich darauf geachtet, ob jemand gesund ist, um in der Industrie arbeiten zu können.
Erinnert wurde in diesem Zusammenhang an die Kündigung einer türkischen Frau, die acht Jahre lang ohne Probleme an einer Maschine gearbeitet hatte. Dann reichten ihre Deutschkenntnisse aus Sicht des
Unternehmens nicht mehr aus. Das Arbeitsgericht erklärte die Kündigung für unwirksam, da der Betrieb die Arbeitsorganisation verändert hatte, ohne die Menschen, die im Betrieb davon betroffen waren, weiterzubilden. Schlussfolgerung daraus: Wenn Leute lange im Betrieb gearbeitet haben, steht das Unternehmen bei einer Änderung der Arbeitsorganisation in der Pflicht, die betroffenen Beschäftigten so zu qualifizieren, dass sie ihren Arbeitsplatz nicht verlieren.
Unterstützung fand das bei einem Kollegen vom Ausländerausschuss der IG Metall Duisburg. Angesichts der Tatsache, dass in den nächsten zehn Jahren etwa 1,2 Millionen Arbeitsplätze für Un- und Angelernte in Deutschland verschwinden werden, reiche es nicht zu sagen: Es gibt eine Weiterbildung, mach die oder du bist draußen. Man muss auf die Menschen zugehen und sie überzeugen, und wenn es sein muss, in ihrer Erstsprache. Bei Thyssen etwa hat der Betriebsrat es geschafft, 70 Prozent der Beschäftigten zu überzeugen, eine Weiterbildungsmaßnahme zu durchlaufen, um sie für die Teamarbeit fit zu machen. Allerdings stand auf der Basis einer Betriebsvereinbarung zur Chancengleichheit dafür auch Geld zur Verfügung, das das Unternehmen bereitgestellt hat.
Dafür, dass die Menschen persönlich motiviert werden müssen, hatte er noch ein anderes Beispiel. Die Volkshochschule Duisburg bot für türkische Frauen und Mädchen einen Näh-und Schneiderinnenkurs an. Zwei Jahre lief das, ohne Teilnehmerinnen zu finden. Als eine türkische Migrantenvereinigung davon hörte, gingen Mitglieder praktisch von Haus zu Haus und haben für den Kurs geworben und dafür gesorgt, dass er im Wesentlichen auf Türkisch abgehalten wird. Damit war der Erfolg hergestellt. Mit Menschen muss menschlich umgegangen werden - dies die einleuchtende Schlussfolgerung.
Daran anknüpfend ergänzte ein Kollege, dass die Menschen schon im Mittelpunkt stehen sollten. Und da sei es schon bemerkenswert, dass die ArbeitsmigrantInnen zu einem Zeitpunkt gerufen wurden, als es niemanden interessierte, ob sie Deutsch könnten. Für die Ökonomie habe es sich gerechnet, sonst wären sie nicht gerufen worden. Heute rechnet sich das so nicht mehr, und auf einmal spielt die Sprache eine ungeheure Rolle.
Erhard Pusch ging in einer Antwort auf die Einwände ein. Seit den 1960er Jahren hat sich die Arbeitswelt - zumindest in der Metall- und Elektroindustrie - grundlegend verändert. Die Massenproduktion mit ihren einfachen Tätigkeiten findet heute vorwiegend in Osteuropa - etwa Ungarn oder Polen -statt. Die entsprechenden Arbeitsplätze sind hier verschwunden. Und diese Tendenz der Verlagerung einfacher Arbeiten hält unvermindert an. Dafür sind andere Arbeitsplätze entstanden, die aber höhere Anforderungen verlangen. Wenn - wie in dem obigen Beispiel - von mechanischen Programmschaltern auf elektronische umgestellt wird, heißt das auch, dass von den 20.000 täglich produzierten Schaltern nur zwei fehlerhaft sein dürfen. Das - so Pusch - stellt andere Anforderungen an die Menschen, die dort arbeiten. Sie müssen das Produkt besser kennen, bzw. die Produkte. Es gibt nämlich eine Variantenvielfalt. Und dafür müssen die Beschäftigten eben in der Lage sein, Arbeitsanweisungen zu lesen, um die jeweils wechselnde Variante produzieren zu können.
Das heiße nun nicht, dass man deswegen perfekt deutsch sprechen muss, für eine Arbeitsanweisung müsse es aber ausreichen.
Dieser Wandel sollte aber nicht nur theoretisch beschrieben werden.Es gibt durchaus Möglichkeiten der Qualifizierung, die nah an der Praxis sind. Ein simpler Punkt, der dabei oft vergessen wird, ist eine vernünftige Einarbeitung. Seine Agentur - so Pusch - plane bestimmte Weiterbildungsmodule, die die betroffenen ArbeitnehmerInnen durchlaufen können. Und wenn sie eine bestimmte Anzahl erreicht haben, wird dies zertifiziert - und zwar von der Agentur und nicht von der IHK.
Ein Diskussionsteilnehmer empfand die Debatte über Sprache ein wenig gespenstisch. Seine - provokativ vorgetragene - These: Das von Innenminister Schily geprägte Wort, wonach Assimilierung die beste Integration sei, ist keine Theorie oder kein Unwort, sondern habe sich offenkundig als Realität durchgesetzt. Angesichts der Debatte, wofür in Deutschland mittlerweile hervorragendes Deutsch nötig sei, gewinne er jedenfalls den Eindruck.
Um einmal nicht über diejenigen zu reden, die es am schwersten haben, weil sie als Erwachsene nach Deutschland kommen und Deutsch lernen müssen, fasste er die Mehrheit der Arbeitnehmer ins Auge. Es gebe bereits Arbeitgeber, die sagen: Angesichts der globalisierten Welt braucht in meinem Betrieb niemand Deutsch können, er muss aber fließend Englisch sprechen. Dies nun durchgängig zu fordern, wäre nicht zuletzt ein Stück Gleichbehandlung. Die Überspitzung verdeutlichte, dass es nicht geht, Menschen darauf zu reduzieren, welche Sprache an ihrem Arbeitsplatz gesprochen wird. Es geht darum, dass Menschen die Möglichkeit haben, sich in ihr gesellschaftliches Umfeld einbringen zu können und an der Gesellschaft teilzuhaben. Davon abgeleitet können dann andere Fragen aufgeworfen werden.
Wer unterstellt, dass in der Gesellschaft nur diejenigen überleben, die hervorragend Deutsch sprechen - was nichts anderes ist als eine Variante der Forderung nach Assimilierung -, weckt nicht nur eine falsche Erwartung - dies geht generell in eine falsche Richtung. Wenn jemand sagt, dass Sprache die Eintrittskarte in die Gesellschaft sei - so der Diskussionsteilnehmer -, dem könne er nur antworten: Es gibt bereits einen, der die Eintrittskarten kontrolliert, nämlich der Herr Koch in Hessen. Der lässt vor der Einschulung Sprachtests durchführen. Das sei ja soweit in Ordnung wenn festgestellt werden soll, wie das Sprachvermögen aussieht. Nur die Kinder, die dabei durchfallen, werden nicht eingeschult, sondern in eine Sondermaßnahme gesteckt. Der Weg, den Nordrhein-Westfalen geht, sei da besser, nicht nur auf die Sprache bezogen. In den ersten beiden Schuljahren werden die Kinder individuell gefördert. Sie kommen mit ganz unterschiedlichen Voraussetzungen, die ganz unterschiedliche Ursachen haben, in die Schule - und das gilt für alle, nicht nur für Kinder mit Migrationshintergrund. Und die Schule hat nach wie vor die Aufgabe, gleiche Chancen herzustellen, und die ersten zwei Jahre dienen dazu, dies zu leisten.
Gegen die Vermutung, dass Assimilierung der MigrantInnen das Beste für die deutsche Gesellschaft sei - dies ein weiteres Argument - spricht, dass die deutsche Gesellschaft sehr gut davon lebt, dass in hohem Maße exportiert wird. Das heißt: Die Mehrsprachigkeit, die manche von Geburt aus mitbringen, muss gefördert werden. Und da kann es dann einfach einmal so sein, dass es für den Betrieb einfach besser ist, wenn jemand Serbisch weitaus besser spricht als Deutsch.
Eine weitere Nachfrage aus dem Diskussionsverlauf bezog sich auf die Spätaussiedler. Sie kommen mit einer guten Ausbildung, oft Hochschulabschlüssen - viele Ingenieure - nach Deutschland. Auch sie haben wegen mangelnder Sprachkompetenz oft kaum eine Chance auf dem Arbeitsmarkt.
In der Tat - so Armin Leurer – kämen viele Akademiker, etwa 30 Prozent. Das hieße auf der anderen Seite aber auch, dass 70 Prozent Nichtakademiker seien. Wenn man einmal die Gruppe der Ingenieure nimmt, muss man sehen, dass sie auf dem Arbeitsmarkt mit jenen konkurrieren, die hier aufgewachsen sind und diese Integrations-hemmnisse nicht mitbringen. Es gibt einfach eine hohe Quote von arbeitslosen Ingenieuren. Oder ein anderer häufiger Beruf: die Traktoristen. Hier fehlt in Deutschland das entsprechende Berufsbild. Bei den gewerblich-technischen Berufen käme es auch zu einer Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt. Und diejenigen, die mehr Vermittlungshemmnisse hätten, seien schlechter dran. Und eines dieser Hemmnisse sei eine niedrige Sprachkompetenz.
Eine andere Schwierigkeit, auf die Armin Leurer verwies: Die
Zusammensetzung der Aussiedler hat sich verändert. Die mitgebrachten Deutschkenntnisse sind sehr viel geringer als früher. Hinzu kommt, dass die Vermittlungsquote nach den Sprachkursen von Anfang der 1990er Jahre bei 80 Prozent lag, heute sind es 20 Prozent. Eine Ursache ist die Verkürzung der Sprachkurse von zehn über acht auf heute sechs Monate. Das könne nicht ohne Folgen bleiben.
Das war wieder ein Anknüpfungspunkt für eine weitere Runde zum Thema Sprachkompetenz. Zu der mehrfach erwähnten Notwendigkeit, Arbeitsanweisungen lesen zu können, schlug eine Diskussionsteilnehmerin vor, sie notfalls doch einfach übersetzen zu lassen.
Sprachkompetenz - so eine andere Teilnehmerin - ist angesichts der Situation auf dem Arbeitsmarkt schon von großer Bedeutung. Darüber hinaus sei es für eine Beteiligung an einer Gesellschaft oder Kultur notwendig, dass die Menschen die Sprache beherrschen. Eine solche Forderung habe mit Diskriminierung nichts zu tun.
Verstärkt wurde dieses Argument noch von einem anderen Teilnehmer. Die Stärke einer demokratischen Gesellschaft - so die Argumentation - sei der demokratische Streit um politische Lösungen von offenen Fragen. Für diesen Streit braucht man aber die Sprache. Diejenigen, die das nicht wahrhaben wollen, klammern eine Gruppe von Menschen aus dem demokratischen Streit aus. Die Tatsache, dass manche Parteien im letzten Bundestagswahlkampf in der Muttersprache der Migranten für sich geworben haben, hält der Diskussionsteilnehmer für eine Form von Fremdenfeindlichkeit. Aus dem politischen Diskurs werden die Angesprochenen nämlich ausgeklammert.
Weitere Diskussionsbeiträge knüpften an Sprachkompetenz im Arbeitsleben, an die Fachsprache an. Es gebe die Erfahrung - so ein Teilnehmer -, dass mangelnde Fachsprache Grund dafür sei, wenn eine Abschlussprüfung nicht bestanden wird. Hier sei es oft so - dies eine weitere Meinung -, dass die Probleme bei den schriftlichen Prüfungsarbeiten liegen. Eine Anregung, wo eine Veränderung ansetzen kann: In den Prüfungsausschüssen sind ja auch Vertreter des DGB bzw. der Gewerkschaften. Sie könnten darauf hinwirken, mündliche Leistungen stärker zu bewerten. Daneben könnte das Bundesinstitut für berufliche Bildung, das bei der Neuordnung von Berufsbildern mitwirkt und auch die Prüfungsanforderungen festlegt, die Tatsache, dass MigrantInnen in ihrer Zweitsprache geprüft werden, stärker berücksichtigen.
Darüber hinaus - so eine Ergänzung - sollte eine Zweitsprache als Qualifikation in der Berufswelt besser anerkannt werden. Das könnte in den Curricula festgelegt werden. Eine Zweitsprache ist eine Zusatzqualifikation, die dem Betrieb nutzt, und das gilt nicht nur für ein Unternehmen, das Außenhandel betreibt, sondern auch für einen kleinen Handwerker in Deutschland, der Kunden hat, deren Erstsprache nicht Deutsch ist.
Schließlich kam noch die Mahnung eines Diskussionsteilnehmers, bei der Debatte um Sprache sehr darauf zu achten, dass dies immer wieder als Vorwand genommen wird, um Menschen zu diskriminieren. Nicht jeder, der sich an der öffentlichen Debatte beteiligt, hat das Wohl und die Teilhabe der MigrantInnen im Sinn. Man dürfe - so Jens Nieth in einer Ergänzung - Integration nicht auf Sprache reduzieren. Integration bedeutet gleichberechtigte Teilhabe aller Bürgerinnen und Bürger an allen Möglichkeiten der Gesellschaft. Das gilt für den Arbeitsplatz, das gilt aber genauso gut für die Wohnbedingungen und für die schulischen Bedingungen. Darüber nachzudenken, welche Möglichkeiten wir haben, in dieser Richtung voranzukommen und gegen Diskriminierung vorzugehen, ist eine bleibende Aufgabe.
In einer Schlussbemerkung verwies Leo Monz auf den Charakter von Integration als einen Prozess, der einen Anfang hat, aber kein Ende. Eine ganz wesentliche Voraussetzung für Integration - so Monz - liegt darin, dass alle an Integration Beteiligten, - also alle Menschen, die in einer Gemeinschaft leben, sei es im Staat, im Betrieb oder auch im privaten Bereich - gleiche Rechte haben und auf gleicher Höhe miteinander umgehen können müssen. Dies sei die Botschaft, die die Gewerkschaften am UN-Tag der Menschenrechte vermitteln wollen.
