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Wenigstens einmal die Erfahrung von Mobilität machen: Gespräch mit Nikolaus van der Pas

20.08.2006

Generaldirektor der Generaldirektion Beschäftigung, soziale Angelegenheiten und Chancengleichheit der Europäischen Kommission

Dieser Beitrag wurde der Publikation "Europa:Mobil August 2006" entnommen.

Europa Mobil: Das Europäische Jahr der Mobilität ist zur Hälfte vorbei. Wurden Ihre Erwartungen bislang erfüllt? Was muss noch geschafft werden?

Nikolaus van der Pas: Das Europäische Jahr hat seine Ziele zu einem großen Teil schon erreicht. Unsere Kenntnisse über Rechte, Möglichkeiten und Mittel in Bezug auf Mobilität zu verbessern, den Austausch von Erfahrungen und Good Practice voranzubringen und unseren Informationsstand insbesondere über Mobilitätsströme und den Einfluss noch bestehender Hindernisse zu festigen.

In den ersten sechs Monaten des Europäischen Jahrs waren wir Zeuge einer spannenden Debatte über die Übergangsmaßnahmen, die die Freizügigkeit von Arbeitnehmern aus den so genannten neuen Mitgliedstaaten begrenzen. Vier Länder sind Großbritannien, Irland und Schweden gefolgt und haben die Hindernisse beseitigt, während mehrere andere Länder die Beschränkungen gelockert haben.

Im Februar haben wird das neue EURES-Mobilitäts-Portal eröffnet, das es allen Bürgerinnen und Bürgern erlaubt, in ihrer Sprache unmittelbar auf alle offenen Stellen – eine Million zu jeder beliebigen Zeit – zuzugreifen, die von den öffentlichen Arbeitsverwaltungen veröffentlicht wurden. Wir haben auch eine Reihe interessanter Erhebungen und Studien über geografische und berufliche Mobilität in Auftrag gegeben, um die Ströme, Motive und die Wirkung verbliebener Hindernisse besser einschätzen zu können.

Schließlich spielt Mobilität, insbesondere berufliche Mobilität, eine wichtige Rolle in der derzeitigen Debatte über “Flexicurity”, die Anpassung unseres sozialen Modells an die schnellen Veränderungen auf dem europäischen Arbeitsmarkt und die Folgen der Globalisierung.

In der zweiten Jahreshälfte geht es stärker um die Einbeziehung der Akteure mit Hunderten von Veranstaltungen, die von Organisationen vorbereitet wurden, die auf nationaler, regionaler oder grenzüberschreitender Ebene arbeiten. Wir planen die überhaupt erste Europäische Job-Messe für den 29. und 30. September, mit Veranstaltungen, die gleichzeitig in nicht weniger als 250 europäischen Städten stattfinden. Wir haben die 2006 Mobilitätspreise ausgeschrieben, Preise, die an Institutionen, Unternehmen und Einzelpersonen verliehen werden, die einen wirksamen Beitrag geleistet haben, um Mobilität im Europäischen Jahr voran zu bringen.

Was unternimmt die Kommission, um tatsächliche Barrieren gegen Mobilität abzubauen und was gegen Barrieren in den Köpfen?

Seit 2002 leistet die Kommission erhebliche Anstrengungen, um die Wirkungen von Barrieren ausfindig zu machen und schlägt konkrete Schritte für deren Beseitigung vor. Der Endbericht über den Aktionsplan zu beruflichen Fertigkeiten und Mobilität, der im Herbst veröffentlicht wird, zeigt eine Reihe interessanter Entwicklungen auf, die von all den Dienstleistungen der Kommission begleitet wurden, die mit Mobilität zu tun haben (Ausbildung, Forschung, Binnenmarkt, Informationsgesellschaft und so weiter).Wir haben uns sehr darum bemüht, unsere sozialen Sicherungssysteme zu koordinieren und Rentenansprüche übertragbar zu machen. Wir haben eine europäische Krankenversicherungskarte eingeführt, die derzeit von fast 100 Millionen Europäerinnen und Europäern genutzt wird. Wir haben neue Maßnahmen bei der gegenseitigen Anerkennung von Qualifikationen ergriffen. Wir haben neue Instrumente wie EURES entwickelt, um freie Stellen bekannt zu machen und umfassende und aktuelle Informationen über die Arbeits- und Lebensbedingungen in allen Mitgliedstaaten der EU zur Verfügung zu stellen.

Aber das reicht nicht aus. Die wichtigsten Hindernisse für Mobilität sind nicht nur rechtlicher oder administrativer , sondern auch ganz praktischer Natur wie Wohnungssuche, sprachliche Probleme und Beschäftigung für Angehörige und Partner. Und tatsächlich gibt es auch psychologische Barrieren. Viele sind vielleicht auch deshalb weniger mobil, weil sie nicht wissen unter welchen Bedingungen sie zurückkehren können. Werden sie dabei unterstützt – und wie – wenn sie versuchen, sich in ihren nationalen Arbeitsmarkt zu reintegrieren? Wird ihre Mobilitätserfahrung positiv für ihren Lebenslauf oder ihre Karriere angesehen? Letztlich dürfte viele Leute Sorge um ihre Zukunft haben und deshalb konkrete Möglichkeiten mit wenig Begeisterung bewerten.

Als Folge beobachten wir zwei Paradoxien auf dem europäischen Arbeitsmarkt: Die Arbeit ist mobil geworden, Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer nicht. Und: während es 26 bis 17 Millionen Arbeitslose in der EU gibt, bleiben zwei bis drei Millionen Arbeitsplätze unbesetzt.

...es gibt bei Menschen, die zur Mobilität gezwungen sind, natürlich schon das Gefühl, einer Fremdheit in der neuen Umgebung. Wird Europa vielleicht in absehbarer Zeit so weit Heimat, dass diese Entfremdung minimiert wird?

Das scheint weniger ein Problem für jüngere Leute zu sein, die oft hoch qualifiziert sind, sondern für Arbeitslose, bei denen Mobilität oft nur die zweite oder dritte Wahl ist und die Mobilität als aufgezwungen empfinden. Das ist eine Perspektive, die wir im Laufe des Europäischen Jahrs verändern möchten: Mobil sein aus eigener Entscheidung und nicht nur aus Notwendigkeit und: Mobilität in den Karriereweg integrieren, sie als lebenslange Lernerfahrung betrachten.

Um die Haltung der Menschen gegenüber Mobilität zu verändern, muss noch viel Arbeit geleistet werden. Unternehmen und insbesondere Klein- und Mittelunternehmen müssen überzeugt werden, dass Mobilität die Fertigkeiten der Menschen ebenso erhöht wie ihre Leistungskraft. Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer müssen erkennen, dass Mobilität ihre Beschäftigungsfähigkeit verbessert. Öffentliche Stellen müssen finanzielle Unterstützungsmechanismen für Beschäftigte, insbesondere gering qualifizierte Beschäftigte, anbieten, die Mobilität annehmen. Die Regierungen müssen Hindernisse beseitigen. Das muss geschehen, damit, wie Präsident Barroso auf der Eröffnungskonferenz des Europäischen Jahres betont hat, allen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer angeboten werden kann, die Erfahrung von Mobilität wenigstens einmal in ihrer Karriere zu machen.

Ihre Generaldirektion Beschäftigung, soziale Angelegenheiten und Chancengleichheit hat ja die Aufgabe, das europäische Sozialmodell zu stärken und weiter zu entwickeln. Kann Mobilität dabei eine Rolle spielen?

Mobilität erscheint in allen politischen Dokumenten, die mit Beschäftigung zu tun haben: In den Lissaon-Zielen, die auf Wachstum und Beschäftigung ausgerichtet sind, in der Europäischen Beschäftigungsstrategie, in allen politischen Leitzielen, die auf der Sozialagenda beruhen. in allen Diskussionen über unser Sozialmodell, einschließlich über Flexicurity.

Aber Mobilität ist nur ein Instrument, kein Allheilmittel. Mobilität ist ein Mittel, um Menschen zu helfen, Arbeit zu finden. Sie trägt dazu bei, den Beschäftigungsfluss zwischen Regionen mit Arbeitskräftemangel und Regionen mit Arbeitslosigkeit zu regulieren. Mobilität trägt auch zur persönlichen Entwicklung bei indem sie die Bürgerinnen und Bürger in die Lage versetzt, Zugang zu finden zu einer neuen Sprache, Kultur und Arbeitswelt. Auf diese Weise kann Mobilität dazu beitragen, die beiden Kernziele der revidierten Lissabon-Strategie zu erreichen: nicht nur mehr sondern auch bessere Jobs.

Wie weit sind eigentlich Drittstaatsangehörige, die in der Union leben, in die Bemühungen um Mobilität einbezogen – dies zum Beispiel auch in Bezug auf Anerkennung ihrer Ausbildungen?

In den nächsten 20 bis 25 Jahren wird Europa auf Grund des demografischen Wandels erleben, dass 20 bis 30 Millionen mehr Arbeitkräfte den Arbeitsmarkt verlassen als in ihn hineinkommen. Wirtschaftliche Zuwanderung wird zu einem unvermeidlichen und unverzichtbaren Teil der Arbeitsmarktpolitik werden, was uns nicht nur dazu zwingt, die Anerkennung von Ausbildungen und Qualifikationen verstärkt anzupacken, sondern auch viele andere Fragen. Die Kommission hat im Dezember 2005 ein wichtiges Aktionsprogramm auf diesem Gebiet angenommen (Aktionsprogramm bezüglich der legalen Einwanderung), das darauf zielt, das Zuwanderungsmanagement in die EU zu verbessern. In diesem Zusammenhang denken wir auch darüber nach, die Reichweite unserer Instrumente – insbesondere EURES – für Zuwanderer zu öffnen.

 

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