Kommentar
Nihat Öztürk,
Erster Bevollmächtigter der IG Metall Düsseldorf – Neuss

Seit einigen Jahren wird viel über das Thema interkulturelle Öffnung diskutiert. Dabei geht es nicht nur um öffentliche Verwaltungen, sondern auch darum die „Sperrung von (ethnischen) Statuslinien“ zu überwinden. Die Debatte kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass die ökonomische, politische und soziale Ungleichheit und die damit einhergehende Diskriminierung und Ausgrenzung von MigrantInnen zunimmt.
Gerade in Zeiten wirtschaftlicher Krisen verstärkt sich diese Entwicklung:
Die Folgen dieser Entwicklung sind unverkennbar:
Fazit: „Interkulturelle Öffnung“ wird debattiert, der Ausbildungs- und Arbeitsmarkt bleibt aber fast unberücksichtigt, die ethnische Segmentierung nimmt zu! Damit besteht die Gefahr, dass der Begriff „interkulturelle Öffnung“ zur Worthülse wird, wie der inhaltsleere plakative Internationalismus der 1970er-Jahre.
Es gibt aber auch noch eine andere Realität. Die deutsche Gesellschaft ist interkulturell. Das kann man gut oder schlecht finden, nur ändern kann man das nicht. Und diese Realität wird angesichts der demografischen Entwicklung außerordentlich an Bedeutung gewinnen. In vielen Ballungsgebieten wird zukünftig der Anteil der Menschen mit Migrationshintergrund unter 30 Jahren bei über 40 Prozent liegen.
Diese beiden Anlässe müssten zwingend dazu führen, dass die wichtigen Akteure in der Gesellschaft interkulturelle Verantwortung übernehmen. Zu den großen Akteuren zählen neben der Politik und den Arbeitgebern auch die Gewerkschaften. Bei der Wahrnehmung interkultureller Verantwortung haben die Gewerkschaften durchaus einen Vorsprung. Sie haben sich mit Beginn der Anwerbung für die ausländischen Kolleginnen und Kollegen geöffnet. Deren Organisierung und Vertretung gehören zu den größten Erfolgen der IG Metall in der Nachkriegsgeschichte (Berthold Huber). Anfang der 1960er-Jahre gab es in der Organisation rund 10.000 ausländische Mitglieder in der IG Metall. Zu den Spitzenzeiten waren es 300.000, heute sind es 200.000 mit Ausländerstatus. Dazu kommen zehntausende Eingebürgerte mit Migrationshintergrund. Mit der Reform des Betriebsverfassungsgesetzes 1972 wurde die Vertretung noch einmal deutlich verbessert. Heute übernehmen MigrantInnen als Vertrauensleute, Betriebsräte oder auch Betriebsratsvorsitzende Verantwortung in Betrieb und Gewerkschaft. Teilweise sind sie auch in Aufsichtsräten und hauptamtlichen Funktionen. Gleiche Erfolge haben übrigens auch die anderen Gewerkschaften des DGB zu verzeichnen.
Eine Schwierigkeit ergibt sich nun aus der Struktur, in der Gewerkschaftsarbeit abläuft. In der IG Metall gibt es, wie in den meisten Gewerkschaften, die Personengruppenarbeit. Die ist wichtig, um die Zielgruppe zu erreichen und an die Organisation zu binden. Und natürlich sind die entsprechenden Arbeitsstrukturen wie Ausschüsse notwendig. Wie akut nötig diese Aufgabe ist, sieht man an den rückläufigen Mitgliederzahlen von MigrantInnen in der Wirtschaftskrise. Aber: Die Wahrnehmung interkultureller Verantwortung darf keine segregierte Arbeit von Funktionären mit Migrationshintergrund sein, sondern muss als Querschnittsaufgabe verstanden werden, die in den Kernhandlungsfeldern und in allen Gliederungen präsent ist.
Nun weiß ich um die Gefahr, ein Thema zur Querschnittsaufgabe zu machen. Da kann es passieren, dass alle zuständig sind, aber keiner sich zuständig fühlt. Zudem kann „Querschnitt“ auch dazu genutzt werden, die Personen- und Zielgruppenarbeit abzuschaffen – jedoch beides ist notwendig. Das heißt: Das Thema interkulturelle Verantwortung muss inhaltlich in die Bereiche eingebunden werden – von der gewerkschaftlichen Betriebsarbeit bis zu Kampagnen zur Werbung junger Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer für die Gewerkschaft. Unerlässlich ist auch, dass sich die Gewerkschaften für eine Bildungs- und Qualifizierungsoffensive einsetzen sowie öffentliche Kampagnen zur politischen Partizipation der MigrantInnen (Kommunales Wahlrecht für alle, Forderung nach Mehrstaatlichkeit, Abschaffung des Optionszwangs) mittragen und unterstützen. Kurzum: Die Zukunft der Gewerkschaften muss nicht nur jugendlicher und weiblicher sein, sondern auch kulturell vielfältiger.