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Jetzt anmelden: Tagung ANERKANNT!

In diesem Jahr sollen zahlreiche rechtliche Neuerungen die Möglichkeiten vereinfachen, im Ausland erworbene Qualifikationen anzuerkennen. Doch nach wie vor sind viele Fragen offen. Gelegenheit, sich darüber auszutauschen bietet unsere Tagung im Oktober:

Tagung ANERKANNT!
Gute Praxis für eine Anerkennungskultur in der Arbeitswelt

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Ayyub Axel Köhler: Islamische Wirtschaft

08.12.2005

Seminar Islam in der Arbeitswelt: 14.-19.04.2002

Meine sehr verehrten Damen und Herren,

Sie werden sich sicherlich immer gewundert haben, wenn Sie in einem Buch über irgendein Thema aus islamischer Sicht – sei es Architektur Medizin oder Landwirtschaft - erst einmal mehr oder weniger ausführlich über den Islam als Religion zu lesen bekommen. Meist ist es der hilflose Versuch, mit Fakten das zu erklären, warum die Muslime so und nicht anders handeln.

Und – auch das sollte Sie wundern - es gibt wohl keine Religionsgemeinschaft in Deutschland (und anderswo im Westen), die seit nunmehr Jahrzehnten ihr Ziel in ihren Satzungen u. a. in der Verbreitung von Informationen und Beseitigung von Vorurteilen über ihre Religion sehen. Das sollte uns zu denken geben.

Es gibt also mindestens zwei Gründe, einige Fakten zum Islam zu nennen.

Was die islamische Wirtschaft anbetrifft, so ist eine Einführung in das islamische Denken eine Voraussetzung für das Verständnis der islamischen Wirtschaft.

Ich will einführend aber nur ein paar Sätze verlieren über den

Kern der Lehre,
die Frage nach dem Sein und die Schlussfolgerung daraus,
den holistischen Denkansatz,
Die ordnende Kraft in Wirtschaft und Gesellschaft und
die Stellung des Menschen, soweit sie unser Thema tangiert.

Der Kern der islamischen Lehre ist die Sure Al-Ikhlas, von der Prophet Muhammad sagt, dass sie schon ein Drittel des Koran ausmacht. Diese Sure könnte man – auf unser Thema bezogen – auch als einen Gegenentwurf zum Goldenen Kalb ansehen.

Sie könnte in unserem Zusammenhang ins Deutsche übertragen lauten:

"Sprich: "Er ist Allah der Einzige.
Allah ist als Ewigwährender die unverursachte Ursache alles Seienden.
Er hat nicht gezeugt
Noch hat er gezeugt
Es gibt nichts, was man mit Ihm vergleichen kann."
(1)

Nur Gott ist anbetungswürdig!

Bei der Frage nach dem Seiende und die Schlussfolgerung, geht die islamische Lehre von der Einsheit des Seins (2) (über dem Gott steht) aus. Diese Sicht ist die Grundlage des sog. Tauhid, der Lehre von der Einheit. Dieser Lehre zufolge ist auch die Wirtschaft kein eigenständiges (säkularisiertes) Gebiet. Die Wirtschaft ist Teil der Religion - Wirtschaften ist, wie alle Handlungen des Muslim, auch eine Art Gottesdienst.

Die Lehre vom Tauhid als holistischer Denkansatz stellt also das Wirtschaften in den großen Zusammenhang, in dem übrigens ausdrücklich auch das ökologische Verhalten des wirtschaftenden Menschen einzuordnen ist.
Es ist das Gefühl und die Gewissheit des Muslims, eingebetet zu sein in alles Seiende, hier im engeren Sinne die Schöpfung, in der sich überall Gott offenbart und dem er sich im Vertrauen auf SEINE Barmherzigkeit und das Gute in Gottes Ratschluss (freiwillig) hingeben kann, auch in der Gewissheit, dass es mit ihm nach seinem Tode nicht zuende ist und er sich auf das ewige Leben freuen kann.
Es ist die Glaubensüberzeugung der Muslime, dass die Welt und die Menschen einer Ordnung - in diesem Fall einer göttlichen Ordnung - unterworfen sind, so wie er sie aus den gesicherten theologischen Quellen erkennen kann.

Die ordnende Kraft in Wirtschaft und Gesellschaft – eigentlich hier besser mit Gemeinschaft (Ummah) bezeichnet - ist die Ethik.

Über die Stellung des Menschen, soweit sie unser Thema tangiert, ist hier nur anzumerken, dass Gott im Koran in erster Linie an jeden einzelnen vernunftbegabten, mündigen Menschen appelliert. Die Handlungsanweisungen im sozialen und wirtschaftlichen Bereich beruhen darum auf einem individualethischen Ansatz, auf den ich hier nicht näher eingehen kann, obwohl er zum Verständnis des islamischen Wirtschaftssystems Entscheidendes beitragen würde. (3)

Nimmt man in diese Betrachtungsweise auch noch die Schlussfolgerung aus der Definition und dem Selbstverständnis der Muslime, wie sie im Minimalkonsens (die sechs Glaubensartikel und die fünf Säulen des Islam) unter den Gläubigen anerkannt sind, hinzu, stellt man fest, dass Islam Leben mit Gott und so auch eine Lebensweise ist.

Nun noch eine Bemerkung zum Staat, weil ja der Mensch als Gemeinschaftswesen ist und weil – auch das ist trivial - der Staat im Wirtschaftsleben natürlich auch eine wichtige Rolle spielt.

Der Staat beruht demnach auf der Ummah, der Gemeinschaft der Gläubigen, die dem entspricht, was Ferdinand Tönnies (4) als Gemeinschaft definiert hat, die im Gegensatz zur Gesellschaft, die auf rein ideellen und mechanischen Rechtsbindungen konstruiert ist - im Islam auf dem realen und organischen Leben beruht und einen lebendigen Organismus bildet, so wie sie auch Ibn Arabi (Alfarabi) mit seinem Bild vom "Musterstaat" (5) beschreibt.

Aber der Mensch ist auch ein der Gemeinschaft verpflichtetes Wesen. Verbindend ist die Ummah als Gesinnungsgemeinschaft und in den Formen der islamischen Selbstverantwortlichkeit sowie in ihren spezifischen Regeln des Gemeinsinns, der Solidarität, Kooperation und Umgangsformen unter den Menschen. Der Vergleich mit dem modernen Kommunitarismus (6) bietet sich meiner Meinung nach hier an. Der islamische Staat zeigt sich dann unerwartet und ganz im Gegensatz zu den Erwartungen der heutigen Muslime, von seiner liberalen Seite (so wenig Staat wie möglich). Subsidiarität, also Entscheidungen oder soziale Leistungen so tief wie möglich in der Hierarchie der Entscheidungsebenen zu belassen, ist das Prinzip. Der auf seine Grundfunktionen zurückgestufte islamische Staat dient dann in erster Linie dem Schutz der Institutionen, wie beispielsweise dem Schutz der Elemente und Institutionen der islamischen Wirtschaftsordnung und natürlich auch der Währung.

An dieser Stelle soll hervorgehoben werden, dass nur etwa 10 Prozent aller Aussagen des Koran konkrete Rechtsaussagen betreffen. Der Koran lässt sich nicht auf ein „Gesetzbuch“ reduzieren.

Und auch das soll hier einführend hervorgehoben werden: Die Handlungsanweisungen in den islamischen Quellen liefern keine fertig ausformulierten Ordnungen für Staat, Gesellschaft oder Wirtschaft.

Schauen wir uns deswegen die Elemente einer Wirtschaftsordnung im Lichte der islamischen Lehre etwas näher an: also

Eigentum ist konstitutives Element,
die Sozial- und Umweltverpflichtung ist von großer Bedeutung,
es gilt das Prinzip der Nichtschädigung,
das Zinsverbot und
die Zakat sind die Schlüsselbegriffe,
es gibt Einschränkungen der juristischen Person,
keine Spielelemente in Verträgen, wie beispielsweise in manchen
Versicherungen,
es gilt das Monopolverbot und das Verbot zu Horten sowie
das Korruptionsverbot,
freie Preisbildung am Markt ist wichtige Voraussetzung,
es gibt Handels- und Produktionsverbote (z.B. Alkohol und Schweinefleisch)
und eine Geldordnung

Konzentrieren wir uns auf die in unserem Zusammenhang mit dem Geld wichtigen Elemente (Geldordnung, Zakat und Zinsverbot):

Zur klassischen Ansicht über die Geldordnung zitiere ich den Universalgelehrten al-Biruni, der schon im 10./11. Jahrhundert (7), auf die Notwendigkeit der Arbeitsteilung hingewiesen, die Notwendigkeit von Geld und die Edelmetalle als Münzgeld als unverzichtbare Tauschmittel erklärt, die Aufgabe der Überwachung des Geldwertes durch die Verwaltung (Staat?) beschrieben, auf die Gebote des freigiebigen Umgangs mit Geld und das Hortungsverbot des Islam hingewiesen und die Frage nach einer fehlenden Leitwährung im Außenhandel gestellt, wozu in seiner Zeit anscheinend gelegentlich das Kupfer gebraucht wurde. Diese Grundsätze sind allerdings Gegenstand der zeitgenössischen Diskussion unter islamischen Ökonomen – schon deswegen, weil in der Frühzeit des Islam gab es damals noch kein Papiergeld gab und Gold und Silber die selbstverständliche Zahlungsmittel waren.

Im Zusammenhang mit der islamischen Geldordnung möchte ich an dieser Stelle die Institution der Zakat hervorheben:

Zakat ist eine originäre islamische Institution im Rahmen der Umverteilung des Reichtums, die seit dem siebten Jahrhundert einen beispielgebenden Fortschritt darstellt und auf deren Ausgestaltung eines modernen sozialen Sicherungssysteme in der islamischen Welt große Hoffnungen gesetzt werden.
Zakat ist zurecht eine der Fünf Säulen auf der der Islam und seine Lehre beruht und die mit „islamische Sozialabgabe“ übersetzt werden muss. Denn Zakat ist nämlich kein Almosen, wie sie fälschlicherweise immer in Koranübersetzungen genannt wird. Aber unabhängig von der Zakat gibt es so etwas wie Almosen, nämlich die im Koran ausdrücklich als Saddaqa (Mildtätigkeit) vom Menschen gefordert wird.
Zakat ist die islamische Sozialabgabe, die, abzüglich eines Freibetrages auf Erträge, Ersparnisse oder Rücklagen erhoben wird, die über die Dauer eines Jahres im Besitz des Abgabenpflichtigen gewesen sind. Bei der Höhe der Abgabe gibt es Unterschiede.

Das wichtigste Element der islamischen Wirtschaftslehre ist aber unzweifelhaft das Zinsverbot.

Mit dem Zinsverbot berühren wir eine Grundfrage der Menschheit nach der Zeit (8) : Es geht um die Frage, nach der Herrschaft über die Zeit und die Frage, wem die Zeit gehört und die unter islamischen Gesichtspunkten so zu beantworten wäre:

Die Zeit in der Betrachtung des Jetzt, des Davor und des Danach und die Zeit selbst ist bei Gott. Gott ist der Souverän über die Zeit. Nur ER kennt die Stunde und SEINE Entscheidung ist unergründbar. (9) Gott besitzt die Zeit und ER hat das Recht über die Zeit. Damit unterliegt die Zeit auch dem Recht der gesamten Gemeinschaft (gleichzusetzen mit Haq-Allah). Die Zeit kann deswegen nicht von einem oder einer Gruppe von Menschen besessen oder verliehen werden. Die Zeit ist also ökonomisch gesehen ein sogenanntes öffentliches Gut. (10)

"Diejenigen, die Zins nehmen, werden dereinst nicht anders dastehen als wie einer, der vom Satan erfaßt und geschlagen ist. Dies wird ihre Strafe dafür sein, daß sie sagen: "Kaufgeschäfte und Zinsleihe sind ein und dasselbe!" Aber Gott hat das Kaufgeschäft erlaubt und die Zinsleihe verboten. Und wenn zu einem eine Ermahnung von seinem Herrn kommt (wie z.B. die, das Zinsnehmen zu unterlassen) und er dann aufhört, so sei ihm belassen, was bereits geschehen ist! Und die letzte Entscheidung über ihn steht bei Gott. Diejenigen aber, die es künftig wieder tun, werden Insassen des Höllenfeuers sein und ewig darin weilen. Gott läßt den Zins des Wuchers dahinschwinden, aber er verzinst den Zakat mit himmlischem Lohn ... Ihr Gläubigen! Fürchtet Gott! Und laßt künftig das Zinsnehmen bleiben, wenn ihr gläubig seid! Wenn ihr es nicht tut, dann sei euch Krieg angesagt von Gott und seinen Gesandten! Wenn ihr euch jedoch bekehrt (und auf weiteres Zinsnehmen verzichtet), steht euch euer ausgeliehenes Kapital (als Eigentum) zu, so daß weder ihr Unrecht tut (indem ihr Zins nehmt) noch ein Unrecht getan wird (indem man euch um euer Kapital bringt)". (11)

Und nur so wird das Zinsverbot des Islams von der Mehrheit der Muslime als absolutes Verbot verstanden: jede Art von Geschäften, bei der ein Gewinn ohne Gegenleistung entsteht, bei dem beispielsweise nur die Zeit arbeitet, und nicht die Arbeit(!) Gewinn bringt, verstößt neben dem Gerechtigkeitsaspekt beim Zinsverbot gegen ein islamisches Gesetz - gegen das in seiner Auswirkung auf Wirtschaft, Gesellschaft und Kultur mehrdimensional wirkende Zinsverbot bzw. Wucherverbot (Wucher = arabisch: Riba). Die Zeit kann nicht zu Geld gemacht werden. Zeit ist nicht Geld! Denn die Zeit ist bei Gott. Die Zeit ist Gottes, wie ein Hadith-e-qudsi (göttliche Überlieferung des Propheten) erklärt.
Das Zinsverbot ist als Wucherverbot aufgrund der Glaubensüberzeugung der Mehrzahl der Muslime umfassend. (12) Das Zinsverbot richtet sich im Kern insbesondere aber gegen die Geldzinsgeschäfte. Ansonsten entspricht das Zinsverbot - Zins nehmen und Zins geben - des Islam dem, was und wie es schon den anderen Religionen vor ihm offenbart wurde und wie es, wie Max Weber meint, in allen Ethiken der Welt nachzuweisen ist.

Wo Geld nicht Zeit sein darf und nur ein reines Tauschmittel bleibt, hat es auch keine selbständige Bedeutung.

Im Grunde genommen ist es also der Umgang mit der Zeit, an dem sich die Systeme geschieden haben:

Auf der einen Seite stehen die, die Gottes Zeit zu der ihrigen gemacht und so Zeit gleich Geld gesetzt und damit dem (Geld-)Kapitalismus das Tor geöffnet haben; und die neuerliche Globalisierung der Wirtschaft hat jetzt, zusammen mit den neuen Kommunikationstechniken und den neuen (und alten) Instrumenten der Geldwirtschaft dazu geführt, dass die Kapitalmärkte der Welt noch effizienter arbeiten. Das Geld, in welcher Gestalt auch immer, vagabundiert zwischen den Computern der Banken und Börsen mit unvorstellbaren Geschwindigkeiten und auf unüberschaubaren Bahnen ähnlich der Heisenberg’schen Unbestimmtheitsrelation um den Globus und sucht den Ort, wo in immer kürzeren Zeitabschnitten der größere Gewinn gemacht werden kann. Viele, vielleicht sogar die meisten Transaktion, sind Spekulationen oder Fiktionen aber irgendwo muss auch reale Wertschöpfung erfolgen - muss gearbeitet werden. Und es sollen immer weniger Menschen in kürzerer Zeit mehr leisten, weil sich das Kapital sonst einen ertragreicheren Platz sucht. Der Mensch wird zum Sklaven eines Geldsystems. Globalisierung bedeutet dann auch, dass es den Nationen bzw. Völkern oder Menschen kaum noch möglich ist, gestalterische Politik zu machen. Die Ökonomie ist das Zentralgebiet der Politik geworden.
Überspitzt kann man aus der Kritik folgern, dass der Mensch seine Souveränität verloren habe. Der Mensch als Zauberlehrling wird von einem, der menschlichen Einflussnahme unabhängigen höheren geistigen Macht, einem anonymen Finanzsystem regiert. Wenn dem so ist, dann hätte diese Entwicklung etwas zu tun mit der Geschichte der Zeitkultur des „Westens“, der, folgt man der evolutionären Theorie und dem westlichen Zeitverständnis der zielgerichteten Entwicklung, hier sein Ende gefunden hat.
Die auf dem säkularisierten Zeitverständnis beruhenden Geldordnung hat sich vom Menschen gelöst und ist zu einer autonomen, vom Menschen nicht mehr zu beherrschenden Macht geworden: „Geld regiert die Welt“.

Auf der anderen Seite stehen die, die die Zeit – ökonomisch gesehen – als öffentliches (und nicht zu veräußerndes) Gut betrachten und damit eine Wirtschaftsordnung als Alternative erhalten wollen, die (ohne ein Paradies auf Erden zu versprechen)

wegen 

  • der Einschränkungen des Vertragsrechts, 
  • des fehlenden Geld-(Kapital-)Marktes und 
  • Einschränkungen der juristischen Person

eine islamische Wirtschaftsordnung hervorgebracht, die

  • (im Gegensatz zur kapitalistischen Wirtschaft) eine Beteiligungswirtschaft zu nennen ist, die 
  • eher mittelständisch orientiert ist. 
  • Das Wirtschaftswachstum dürfte langsamer aber"organischer" verlaufen. 
  • Geldhorte lohnen sich nicht (das Kapital wird ja jährlich "abgezinst" wegen des Verbots des Zinsennehmens und der gleichzeitigen Verpflichtung zur Zahlung der Zakat). Schnelle Reinvestition des Geldkapitals in wirtschaftliche Unternehmungen sind zwangsläufig die Folge ("RIBA-(Verbot)-ZAKAT-Phänomen).

Die islamische Wirtschaft ist wegen ihres Schutzes des rechtmäßig erworbenen Eigentums (Eigentum ist konstituives Element der islamischen Wirtschaftsverfassung) und im Rahmen einer sittlich bestimmten freien Preisbildung am Markt eine sozial- und umweltverpflichtete Marktwirtschaft (ohne kapitalistischen Sektor). Der Eingriff des Staates in die Wirtschaft ist durch seinen ordnungsrechtlichen Rahmen bestimmt.

Hat diese Alternative noch eine Chance?

Die Entwicklung von islamischen Wirtschaftsstrukturen innerhalb des Globalisierungsprozesses dokumentiert, „dass der Islam per se kein Hemmnis für marktwirtschaftliche Entwicklung darstellt, sondern ein recht pragmatischer Umgang mit der Religion erfolgt. Die „fundamentalistische" Instrumentalisierung des Islam ist das Resultat ökonomischer Krisen und blockierter Demokratisierungsprozesse. Diese ungelösten sozialökonomischen und politischen Probleme, nicht aber die vermeintliche Unvereinbarkeit unterschiedlicher Weltregionen müssen als ernsthaftes internationales Bedrohungspotential wahrgenommen werden.“ (13)

Und tatsächlich haben beispielsweise die islamischen Banken seit den 70er Jahren einen starken Aufschwung erlebt.

1974 wurde die OIC und IDB gegründet.

1975 erfolget die Gründung der ersten privaten Bank, die Dubai Islamic Bank.

Islamische Banken gelten als Motor der Modernisierung des Finanzsektors und des wirtschaftlicher Aufschwungs (beispielsweise in Südost-Asien).

Und auch die Geschäftsbanken entdeckten den riesigen islamischen Markt, der im Jahre 2000 einen Umfang von 1,2 Trillionen US$ ausmacht. Diese Summe, so nimmt man an, befindet sich nämlich in privaten Händen in der ganzen Welt. (14)

Als erste Geschäftsbank richtete denn auch 1996 die New York Citybank eine islamische Abteilung ein und Jahre 2000 legte die Commerzbank einen islamischen Fonds auf.

Islamische Finanzinstitutionen arbeiten derzeit (im Jahre 2000) in 75 Ländern mit einem Volumen von insgesamt 230 Mrd. US$.

Unterdessen sind allenthalben Bestrebungen in der islamischen Welt zu beobachten, die islamische Wirtschaftsordnung und Wirtschaftssystem weiter zu entwickeln: so beispielsweise im Bereich des Versicherungswesen. Der islamische Wirtschaftssektor ist dynamisch und innovativ.

In der Welt sind viele Probleme zu lösen, die ich in dieser Runde wohl nicht zu nennen brauche. Ideen, Vielfalt und Alternativen brauchen die Menschen. In der heutigen wirtschaftlichen Lage geht es ihnen natürlich in erster Linie um die Existenzsicherung und bescheidenen Wohlstand - aber nicht um jeden Preis.
Es ist Entwicklungsarbeit unter Berücksichtigung der kulturellen und religiösen Traditionen der Entwicklungsländer zu leisten. Ausgangspunkt dafür sollen gleichermaßen die wirtschaftlichen, ökologischen und religiösen Bedürfnisse der Bevölkerung sein. Und es geht um die Würde des Menschen. Es widerspricht der Würde des Menschen, wenn er sich vom Geld regieren ließe!

__________________________________
(1) Koran, Sure 112 Al-Ikhlas, "Der Glaube ohne Vorbehalt".
(2) Tilman Nagel, Die Festung des Glaubens, München 1988, Seite 15.
(3) Erhellendes dazu bei: Peter Koslowski, Wirtschaft als Kultur, Wien 1989, Seite  118ff.
(4) Ferdinand Tönnies, Gemeinschaft und Gesellschaft, Darmstadt 1991.
(5) Friedrich Dieterici (Hrsg.), Alfarabi's Abhandlung Der Musterstaat, Hildesheim u.a.O. 1985, Seite 84ff.
(6) ausführlich über den Kommunitarismus z.B. bei Amitai Etzioni, Jenseits des Egoismus-Prinzips, Ein neues Bild von Wirtschaft, Politik und Gesellschaft, Stuttgart 1994.
(7) Al-Biruni, In den Gärten der Wissenschaft, Reclam-Verlag Leipzig 1991.
(8) Ayyub A. Köhler, Zeitauffassung.., a.a.O.
(9) Siehe z.B. Koran 16; 77.
(10) Ayyub A. Köhler, Zeitauffassung.., a.a.O., Seite 101.
(11) Koran (2: 275 bis 279).
(12) Ausführlich aus juristischer Sicht dazu Florian Amereller, Hintergründe des "Islamic Banking", Berlin 1995.
(13) Herta Müller, Mullahs zwischen Macht und Märkten, in: DFG (Hrsg.), Forschung, Das Magazin der Deutschen Forschungsgemeinschaft, Heft 2, 1999, Seite 27. Anmerkung: Dr. Herta Müller Universität Leipzig. Das Projekt wird mit einer Sachbeihilfe der DFG unterstützt.
(14) So in der Pressemitteilung zur Gründung des Web-Portals IslamiQ, die im Jahre 2000 mehrheitlich von den International Investor (TII) of Kuwait und der in Jeddah ansässigen Dallah Al Baraka Group initiiert und finanziert wurde.