Ansprüche nicht einschränken

Die Bundesregierung will Ansprüche von EU-Bürger_innen auf Hartz IV einschränken. Das ist rechtswidrig, so die Einschätzungen der vom DGB beauftragten Juristinnen.

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Stipendien für Anerkennung

Baden-Württemberg und Hamburg fördern die Anerkennung ausländischer Bildungsabschlüsse mit Stipendien.

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Türkei

Wir sollten uns von den Konflikten in der Türkei nicht infizieren lassen, sagt Serhat Özdemir, freigestellter Betriebsrat bei der WEC Turmbau in Emden. 

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"Deutschland vor Richtungsentscheidung"

Bodo Ramelow, Ministerpräsident von Thüringen, stellt im Forum Migration seine vier Punkte für gelinge Integration von Flüchtlingen vor. 

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Flüchtlinge als Pflegekräfte?

Immer mehr Pflegekräfte fehlen. Aber ist es sinnvoll Flüchtlingen einen erleichterten Zugang zur Ausbildung zu verschaffen? Und welche Voraussetzungen müssten dafür gewährleistet sein?

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Brexit - Das Ende der Freizügigkeit?

Darüber sprechen wir mit Holger Bonin, Professor für Arbeitsmarkt und Sozialpolitik an der Universität Kassel

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Spendenaktion

Hilfe für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge und die Unterstützung bei der Anerkennung im Ausland erworbener Qualifikationen - der DGB und seine Mitgliedsgewerkschaften unterstützen Flüchtlinge auf ihrem Weg in Ausbildung und Arbeit und rufen zu Spenden auf:

Gewerkschaften helfen


 


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Jetzt anmelden: Tagung ANERKANNT!

In diesem Jahr sollen zahlreiche rechtliche Neuerungen die Möglichkeiten vereinfachen, im Ausland erworbene Qualifikationen anzuerkennen. Doch nach wie vor sind viele Fragen offen. Gelegenheit, sich darüber auszutauschen bietet unsere Tagung im Oktober:

Tagung ANERKANNT!
Gute Praxis für eine Anerkennungskultur in der Arbeitswelt

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Melanie Miehl: Frauen und Islam

09.12.2005

Seminar Islam in der Arbeitswelt: 10.-14.12.2001

Kaum ein Thema ist so stark, nicht nur mit Vorurteilen, sondern auch mit Emotionen behaftet wie die Frage nach der Rolle der Frau im Islam. Das macht sich zum Beispiel am Kopftuch fest, das für viele Nichtmuslime ein rotes Tuch ist. Gleichzeitig gibt es von muslimischer Seite die nicht ganz unberechtigte Kritik, dass der gesellschaftliche Diskurs nicht mit ihnen geführt wird, sondern über sie. Ich selber bin keine Muslimin, habe also eher eine Außensicht auf die Probleme. Dieser Blick von außen kann hilfreich sein, gerade wenn es um größere Zusammenhänge geht.

Bei muslimischen Frauen muss natürlich unterschieden werden. Es gibt zum Beispiel eine junge, akademisch gebildete Elite der muslimischen Frauen, Töchter oder Enkelinnen der Arbeitsmigranten der 60er Jahre, aber auch deutsche Konvertitinnen zum Islam, die oft eine sehr reflektierte und ausgeprägte islamische Identität mitbringen. Das sind in der Regel nicht die, die man im Kopf hat, wenn man Islam hört. Daneben gibt es auch das Heimchen am Herd, eine Frau, die zwangsverheiratet im Kreuzberger Getto ihr eher trübes Dasein fristet.

Der historische Rahmen, den der Islam umfasst, reicht vom siebten Jahrhundert nach Christus bis heute. Der kulturelle Rahmen ist von beeindruckender Vielfalt. Das Ausbreitungsgebiet des Islams reicht von Marokko im Westen bis nach Malaysia im Osten. Die Mehrheit der Muslime lebt heute nicht mehr in den arabischen Kernländern des Islams, sondern östlich davon. Das Land, das die meisten Muslime zu seinen Einwohnern zählt, ist Indonesien. Praktisch überall auf der Welt gibt es muslimische Bevölkerungsminderheiten. Das heißt: Wenn wir über die Frau im Islam sprechen, dann reden wir über eine halbe Milliarde Menschen, die in den unterschiedlichsten Zusammenhängen leben. Das hat zur Folge, dass für jede Aussage möglicher Weise auch ein Gegenbeispiel gefunden werden kann.

Ein erster Punkt: Die Frau als spirituell begabtes Geschöpf. Was meine ich damit?

Wenn man den Koran darauf hin liest, wie dort Mann und Frau gesehen werden, muss man ganz klar sagen, dass im Islam Männer und Frauen vor Gott gleichwertig sind. Es gibt die weit verbreitete Vorstellung, die Frau habe im Islam keine Seele. Das ist eine Vermischung des eigenen kulturellen christlichen Erbes mit islamischen Vorstellungen. Die Idee, dass die Frau keine Seele habe oder dass die Einhauchung der Seele beim männlichen Kind zu einem früheren Zeitpunkt stattfindet als beim weiblichen Kind, geht auf den heiligen Thomas von Aquin zurück. Das hat nichts mit dem Islam zu tun. Mann und Frau sind vollwertige Geschöpfe, deren Lebenssinn darin besteht, sich gläubig Gottes Willen zu unterwerfen.

Diese Gleichwertigkeit der Geschlechter wird etwa im Koran in Sure 4, Vers 124 betont. Dort heißt es: Diejenigen aber die handeln, wie es Recht ist, männlich oder weiblich, und die dabei gläubig sind, werden da einst in das Paradies eingehen und ihnen wird bei der Abrechnung nicht ein Dattelkerngrübchen Unrecht getan. Die Quellen des Islams kennen anders als das Christentum nicht die Vorstellung einer Ursünde, die gleichsam immer weiter vererbt wird. Zwar kennt auch der Koran die Geschichte von dem Baum, von dem man besser nicht gegessen hätte. Aber anders als in der biblischen Geschichte wird die Vertreibung aus dem Paradies nicht auf den Fehltritt Evas zurückgeführt. Vielmehr sündigen nach koranischer Sicht Adam und Eva gemeinschaftlich. Adam aber bereut und diese Reue lässt die Menschen bei Gott Erbarmen finden.

Da es keine Erbsünde gibt, hätten Evas muslimische Töchter erleichtert aufatmen können, hätte es nicht im zehnten Jahrhundert einen einflussreichen muslimischen Gelehrten gegeben, der alles, was ihm am weiblichen Organismus minderwertig und bemitleidenswert vorkam, wie zum Beispiel Menstruation, Geburtswehen, Wochenbettbeschwerden, als Strafe dafür angesehen, dass sich Eva vom Satan habe verführen lassen. Das heißt: Die aus der christlichen Religion stammende Vorstellung von der Urschuld der Frau wurde adaptiert und integriert. Die Religion diente zur Legitimation vorhandener frauenfeindlicher Ansichten. Nicht die Religion an sich hatte diese Idee, sondern ein religiöser Gelehrter hat sich einer anderen Religion bedient, um in irgendeiner religiösen Legitimation seine Haltung zu begründen.

Auch in der so genannten Hadith-Sammlung finden sich nicht sehr frauenfreundliche Aussagen. Die Hadith-Sammlung ist nach dem Koran die zweit wichtigste Quelle des Islams. Sie ist eine von sechs großen Sammlungen im Islam mit Berichten über Taten und Gewohnheiten des Propheten Mohammed - einschließlich Aussagen von ihm - und sehr detailliert und umfangreich wiedergebene Geschichten aus seinem Leben. Diese Berichte stammen von Weggefährten Mohammeds und wurden erst mündlich überliefert und im neunten Jahrhundert zusammengestellt. Das ist deshalb eine wichtige Quelle, weil Mohammed als der authentische Interpret der koranischen Botschaft gilt. Viele Fragen, auf die der Koran keine direkte Antwort gibt, werden versucht, aus dem Hadith zu klären. Wenn man sich diese Sammlungen aus der islamwissenschaftlichen Sicht ansieht, muss stark angezweifelt werden, dass alle Aussprüche wirklich authentisch sind.

Im Hadith gibt es Mohammed zugeschriebene Aussagen, die eine negative Sicht der Frau begründen. Ein Beispiel: Mohammed wurde gefragt, wie es im Paradies sei. Er habe - so die Antwort - das Paradies gesehen und die Mehrheit seiner Einwohner seien Arme. Er habe auch die Hölle gesehen und die Mehrheit seiner Einwohner seien Frauen. Daneben gibt es im Hadith auch Aussagen mit einer ausdrücklichen Wertschätzung der Frauen.

Zur Religionsausübung der Frau. Es gibt die fünf religiösen Grundpflichten im Islam, die für alle Musliminnen und Muslime verpflichtend sind. Das ist das Bekenntnis zum einen Gott und zum Propheten Mohammed, das fünf Mal tägliche Gebet, die Sozialabgabe - die immer wieder von der einen oder anderen Seite ideologisch interpretiert wird -, das Fasten im Monat Ramadan und als Letztes die Pilgerfahrt nach Mekka, die einmal im Leben stattfinden soll. Pflichten wie das Gebet sind mit körperlichen Aktivitäten verbunden. Das muslimische Gebet ist unterschiedlich zum protestantischen, bei dem man sitzt, körperlich sehr aktiv. Hierbei gibt es Ausnahmen, die für Mann und Frau gleichermaßen gelten, etwa bei Krankheit, Gebrechlichkeit. In Bezug auf die Pilgerfahrt gibt es in bestimmten Fällen Ausnahmen bei Armut. Wenn jemand nicht die nötigen Mittel besitzt, um nach Mekka zu pilgern, dann kann diese Verpflichtung entfallen.

In islamischen Rechtsbüchern befassen sich einige Kapitel mit den besonderen Zuständen der Frau, die mit der weiblichen Biologie zusammenhängen. Das sind Menstruation, Schwangerschaft, Geburt, Wochenbett, Stillzeit. Für diese Situationen gelten Einschränkungen bei den rituellen Verpflichtungen. So ist zum Beispiel im Ramadan den schwangeren, stillenden Frauen und auch menstruierenden Frauen das Fasten untersagt. Allerdings besteht die Pflicht, solche versäumten Fastentage im Laufe des Jahres nachzuholen oder ersatzweise Arme zu unterstützen. Im zehnten Jahrhundert waren die Einschränkungen ein Argument für die ohnehin frauenfeindlichen Gelehrten zu sagen, Frauen seien religiös nicht ganz vollwertig. Ganz anders sieht das natürlich die islamische Frauenbewegung, die es inzwischen gibt. Hier heißt es, diese Einschränkungen seien eine Gnade Gottes, da die Frauen angepasst an ihre biologischen Rhythmen leben können und in bestimmten biologischen Zusammenhängen Verpflichtungen entfallen.

Bei der Religionsausübung fällt auf, dass Männer und Frauen getrennt - meistens räumlich getrennt - beten. Quellen der muslimischen Frühzeit belegen, dass das zu Lebzeiten des Propheten nicht der Fall war. Im Hof des Propheten wurde gemeinsam gebetet, die Männer vorne und die Frauen dahinter.

Die Pilgerfahrt nach Mekka, die Hadsch, wird von Frauen und Männern nach den selben Riten vollzogen. Allerdings legt der männliche Pilger ein besonderes Pilgergewand an, das aus zwei zusammengenähten Tüchern besteht. Die Frau behält ihre herkömmliche Kleidung an, allerdings mit einer Ausnahme, das Gesicht der Frau darf bei der Pilgerfahrt nicht verschleiert sein. Die Hadsch dauert länger. Deshalb stellt sich auch hier wieder die Frage, wie eine menstruierende Frau zu verfahren hat. Sie kann sich an allem beteiligen, nur das Umkreisen der Kaaba - das würfelförmige Gebäude inmitten der großen Moschee von Mekka - ist in diesem Zustand nicht zulässig. Die Frage, ob eine Frau die Hadsch ohne Begleitung des Ehemannes oder sonstiger männlicher Verwandte antreten darf, wird unterschiedlich gesehen. Gegenwärtig ist es so, dass man als alleinstehende Muslimin keine Chance hat, nach Saudi Arabien einzureisen, um die Pilgerfahrt zu vollziehen.

Insgesamt gibt es also aus dem Koran heraus eine religiöse Gleichwertigkeit der Geschlechter. Daraus leitet sich aber keine Gleichberechtigung der Geschlechter ab. An das männliche und weibliche Geschlecht sind unterschiedliche Anforderungen und Erwartungen hinsichtlich der Lebensführung geknüpft. Es gibt einen Koranvers, der in diesem Zusammenhang immer gerne zitiert wird und über den sich trefflich streiten lässt. Der heißt in Sure 4, Vers 34: „Die Männer stehen über den Frauen, weil Gott sie vor diesen ausgezeichnet hat und wegen der Ausgaben, die sie von ihrem Vermögen für sie gemacht haben.“ Das wird immer wieder diskutiert und völlig unterschiedlich interpretiert. Ich sehe das als eine klassische Aufgabenteilung, die einer patriarchalisch strukturierten vormodernen Gesellschaft entspricht. Der Mann ist demzufolge dafür da, die Familie zu versorgen und nach außen zu vertreten, die Frau ist für den inneren Bereich zuständig.

Wenn es um die soziale Rolle der Frau geht, ist schließlich die Frage nach ihrer Rechtsfähigkeit wichtig. Der Islam hat die Frau überhaupt erst zum Rechtssubjekt gemacht. Im vorislamischen Arabien war das nicht so. Als eigenständiges Rechtssubjekt ist die Frau nicht länger ein Objekt, das gehandelt, als Braut verkauft wird. In diesem Zusammenhang ist es sehr wichtig, dass der Koran die vorislamische Sitte des lebendig Begrabens neugeborener unerwünschter Töchter ausdrücklich verbietet. Der Koran schafft auch den Brautkauf ab, der im vorislamischen Arabien üblich war.

Allerdings ist die Rechtsfähigkeit der Frauen im Vergleich zu der des Mannes in bestimmen Bereichen eingeschränkt. So gibt es die Regelung, die es einer Frau untersagt, einen islamischen Staat zu führen. Hier gibt es natürlich historische Gegenbeispiele. Daneben wird zum Beispiel die Zeugenaussage einer Frau vor Gericht anders gewertet als die eines Mannes. Das lässt sich aber nicht als eine Abwertung der Frau verstehen, sondern muss in einem komplexen System islamischen Rechts gesehen werden und lässt sich daraus erklären.

Was Ehe und Scheidung angeht, ist es wichtig zu wissen, dass das islamische Eheverständnis ein anderes ist als etwa das katholische. In dieser Sicht ist die Ehe ein Sakrament und bis zum Tode gültig. Nach dem Tod ist auch die Ehe aufgelöst. Das muslimische Eheverständnis kommt eher an das protestantische heran. Luther hat ja die Ehe als weltlich Ding bezeichnet. Es geht um den Abschluss eines Vertrages. Wer geschickt verhandelt, gute Berater hat und eine gute Ausgangsposition, kann in diesem Vertrag viel für sich herausholen. Da lassen sich Dinge regeln, von denen man annimmt, dass sie vielleicht mal strittig sein können. Zum Beispiel die Frage, ob die Frau später noch eine Berufstätigkeit anstrebt, ob sie bereit ist, mit ihrem Mann in dessen Heimatland zu gehen. Da bietet der Ehevertrag ein weites Feld. Man darf nur nichts vereinbaren, was gegen den Islam an sich verstößt. Dieser Vertrag wird zwischen Braut und Bräutigam geschlossen oder zwischen dem Bräutigam und dem Vertreter oder Vormund der Braut. Es ist aber so, dass keine Frau gegen ihren Willen verheiratet werden darf, eine solche Ehe ist ungültig. Wichtig ist, dass die Ehe die einzige erstrebenswerte Lebensform vor Gott ist. Es besteht also in vielen Gesellschaften ein starker Druck zur Verehelichung. Man versucht die Leute möglichst früh unter die Haube zu kriegen. Nichteheliche Lebensformen, seien es jetzt gleichgeschlechtliche oder auch mönchische, werden abgelehnt.