Spendenaktion

Hilfe für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge und die Unterstützung bei der Anerkennung im Ausland erworbener Qualifikationen - der DGB und seine Mitgliedsgewerkschaften unterstützen Flüchtlinge auf ihrem Weg in Ausbildung und Arbeit und rufen zu Spenden auf:

Gewerkschaften helfen


 


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Jetzt anmelden: Tagung ANERKANNT!

In diesem Jahr sollen zahlreiche rechtliche Neuerungen die Möglichkeiten vereinfachen, im Ausland erworbene Qualifikationen anzuerkennen. Doch nach wie vor sind viele Fragen offen. Gelegenheit, sich darüber auszutauschen bietet unsere Tagung im Oktober:

Tagung ANERKANNT!
Gute Praxis für eine Anerkennungskultur in der Arbeitswelt

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Verbeugung vor den Stammtischen

DGB Vorstandsmitglied Annelie Buntenbach nannte die Sanktionspläne im Zuge des Integrationsgesetzes eine „Verbeugung vor den Stammtischen“.
Warum? Das lesen Sie hier:

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Zu wenige Migrant_innen

Jeder fünfte Mensch in Deutschland hat Migrationshintergrund - aber in der öffentlichen Verwaltung spiegelt sich dieses Verhältnis nicht wider. Lesen Sie diesen und weitere interessante Artikel in der aktuellen Ausgabe unseres Newsletters

Forum Migration

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Letztlich geht es um Verteilung

Interview mit Daniel Weber, Leiter des Geschäftsbereichs Migration und Gleichgerechtigung, zur den aktuellen Entwicklungen der gewerkschaftlichen Migrationsdebatte.

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Gute Praxis

Handlungsansätze und Praxisbeispiele aus Betrieben und Verwaltungen zur Integration von Beschäftigten mit Migrationshintergrund zeigt die aktuell bei der Hans Böckler Stiftung erschienen Broschüre in der Reihe "Kurzauswertungen - Betriebs- und Dienstvereinbarungen"

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Merkblätter für Betriebsräte und Personalräte

Anerkennung von im Ausland erworbenen Qualifikationen - hinter dieser scheinbaren Worthülse verbergen sich konkrete Chancen für Kolleginnen und Kollegen. Wie Betriebs- und Personalräte Beschäftigte bei der Anerkennung unterstützen können, verraten die Merkblätter zum Thema Anerkennung.

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Siegfried Brusten: Gewerkschaften und Islam

09.12.2005

Seminar Islam in der Arbeitswelt: 10.-14.12.2001

Der Islam ist eigentlich kein spezifisches Thema, mit dem sich Gewerkschaften befassen. Ein Thema der Gewerkschaften - und ich kann hier im Wesentlichen nur für die IG Metall sprechen - ist die Arbeit mit ausländischen Kolleginnen und Kollegen. Und diese Arbeit beschränkt sich natürlich nicht auf die türkischen Kolleginnen und Kollegen, die in der Regel Muslime sind. Gleichwohl sind Muslime natürlich ein Teil der IG Metall. Und aus meiner Sicht müssen wir auf religiöse Gefühle Rücksicht nehmen. Generell haben wir als Gewerkschaften aber - auch aus unserer Geschichte heraus - mit Religion nicht viel zu tun.

Mit der Situation der ausländischen ArbeitnehmerInnen befassen wir uns als IG Metall seit ungefähr 1960. Damals kamen die ersten ausländischen Arbeitnehmer zu Ford. Das waren italienische Arbeitnehmer. Die kamen nicht aus dem industriell entwickelten Norden Italiens, sondern aus dem Süden. Erst kamen wenige, dann immer mehr. Und sie brachten ihre Sitten und Gebräuche mit. Später kamen dann auch türkische Arbeitnehmer. Es hat eine Zeit gedauert, bis die IG Metall begriffen hat, was geschieht. Als das soweit war, wurde eine Abteilung Ausländische Arbeitnehmer eingerichtet, und es wurden Ausländerausschüsse gebildet. Das ist deswegen wichtig, weil Ausschüsse Antragsrecht für die Delegiertenversammlungen und auch für den Gewerkschaftstag haben. Das ist ein Stellenwert in der IG Metall, der nicht gering geachtet werden kann.

Zu den muslimischen ArbeitnehmerInnen. Zur Zeit ist ja noch Ramadan, die Zeit des Fastens. Das ist aus den christlichen Religionen ja nicht unbekannt. Wir kennen die Fastenzeit vor Ostern. Und es gab auch einmal die Empfehlung eines Bischofs, auch in der Adventszeit zu fasten. Das war im Mittelalter, und damals war eine Empfehlung verpflichtend. Das ist allerdings im Laufe der Zeit verloren gegangen, und auch an das Fasten vor Ostern hält sich kaum noch jemand.

Beim Ramadan ist es ja auch keineswegs so, dass man von dem Gebot zu fasten nicht abweichen darf. Es ist vielleicht eine sehr liberale Auslegung, aber ich verstehe es so, dass derjenige fasten soll, der es kann. Werdende oder stillende Mütter sind davon ausgenommen, Kranke ebenso und auch alle Menschen, die körperlich schwer arbeiten. Wer bei Ford am Band arbeitet oder bei Daimler in der Schmiede, im Bergbau oder in der Stahlproduktion, kann diese Ausnahme für sich in Anspruch nehmen bzw. sollte es, um nicht zusammenzuklappen. Das heißt: das Fastengebot ist durchaus an die Realität angepasst. Das ist aus gewerkschaftlicher Sicht sehr vernünftig. Die Gewerkschaften haben mit dem Islam keine Schwierigkeiten, auch nicht in der täglichen Arbeitswelt. Da ist es völlig normal, dass jemand an der Drehbank oder Fräsbank steht und bei Schichtende von einem Muslim abgelöst wird.

Das heißt nicht, dass es in den Betrieben keine Fremdenfeindlichkeit und keinen Rassismus gibt. Diese richten sich aber nicht speziell gegen den Islam. Wie verzwickt die Situation bisweilen sein kann, möchte ich an einem Beispiel aus dem Werkzeugbau der Fordwerke erläutern. Eines Tages kam ein junger Türke zu uns und erklärt, er habe Probleme am Arbeitsplatz. Sein Vormann, wie ein Vorarbeiter bei Ford heißt, behandelt ihn schlechter als die anderen. Die dürfen zehn Minuten vor Feierabend die Maschine saubermachen, die Späne wegfegen, und gehen sich dann die Hände waschen. Nur ihm verbietet er das mit der Begründung, das dürften nur die Deutschen. Ich habe den Betriebsrat informiert, und am nächsten Tag bin ich gemeinsam mit einem Betriebsratsmitglied zu dem Vormann gegangen. Da wurde die Angelegenheit dann bereinigt. Die Konstellation sah so aus: Der Kollege, der sich beschwert hat, war - wie gesagt - Türke. Der Vorarbeiter war Pole und das Betriebsratsmitglied Italiener. Der polnische Vorarbeiter hatte das Gefühl, die Deutschen würden über ihm stehen und sucht nun jemanden, auf den er herab blicken kann. Das ist ein sehr komplizierter Zusammenhang, bei dem nicht einfach gesagt werden kann: Der ist der fremdenfeindliche Täter. Und schon gar nicht kann man sagen, dass sich das Handeln des Vorarbeiters gegen den Islam gerichtet habe.

Generell ist es so, dass solche Konflikte verschwinden, wenn die Menschen sich länger kennen. Das gilt für das Arbeitsleben wie für den Alltag. Ich komme aus einem Stadtteil von Köln, in dem ein katholischer Pfarrer eine tolle Sozialarbeit macht. Unter anderem hat er einen Fußballverein organisiert, der ohne ausländische Jugendliche überhaupt nicht existieren könnte. Und wenn die Jugendlichen ein paar Jahre miteinander Fußball gespielt haben, dann ist der Mehmet der Mehmet und nicht der Türke. Und er ist einem sympathisch oder nicht, das hat aber nicht mit der Herkunft zu tun. Wir haben eben alle unsere Sympathien und Antipathien. Das ist im Arbeitsleben genauso.

Um noch einmal auf den italienischen Kollegen aus dem Betriebsrat zurück zu kommen. Wir haben bei den ausländischen Kollegen oft Schwierigkeiten, sie für eine Kandidatur zu bewegen. Sie haben Befürchtungen, dass sie bei Gesprächen mit der Geschäftsleitung nicht ernst genommen werden, weil sie die Sprache nicht perfekt beherrschen oder sich nicht richtig ausdrücken können. Wenn sie dann aber im Betriebsrat sind - und das ist in vielen Kölner Betrieben der Fall - machen sie vernünftige Arbeit. Ich erinnere mich, dass das bei einem türkischen Kollegen in einem Motorenwerk auch so war. Heute ist er Leiter des Vertrauensleutekörpers und aus dem Betriebsrat gar nicht mehr wegzudenken. Er sitzt seit Jahren auch im Ortsvorstand der IG Metall. Das ist für uns eine Selbstverständlichkeit. Die IG Metall hat in Köln übrigens rund 45.000 Mitglieder, 9.800 davon sind ausländische ArbeitnehmerInnen.

Was die religiösen Vorschriften angeht, so ist das Beten zum Beispiel kein Problem. Der Koran besagt keineswegs, dass man seine Gebetszeiten immer streng einhalten muss. Wer zum Beispiel im Schichtbetrieb arbeitet oder am Fließband, der kann sein Gebet auch auf eine andere Art und Weise verrichten, als den Teppich auszulegen.

Bei den Feiertagen möchte ich die Debatte einmal auf den Kern zurück führen, und zwar am Beispiel eines christlichen Feiertages. Es gab bei uns den Feiertag, Buß- und Bettag. In Köln hieß der immer Bütz- und Betttag; Bützen ist der köllsche Begriff für küssen. Als der abgeschafft wurde, sind die Gewerkschaften Sturm gelaufen, nicht weil das ein christlicher Feiertag war, sondern ein bezahlter Feiertag, an dem die Beschäftigten nicht arbeiten mussten. Hier wurde uns ein Stück sozialer Besitzstand weggenommen.

Wenn die Regierung hingehen würde und sagt: Ihr habt zehn freie Tage im Jahr, die könnt ihr legen, wie ihr wollt. Dafür fallen aber Pfingstmontag, Ostermontag, Allerheiligen und so weiter weg. Mit Ausnahme der Kirchen würde keiner etwas dagegen sagen. Der einzige Feiertag, wo es Schwierigkeiten gäbe, wäre Weihnachten. Lichterbaum, Fest der Liebe - das hat sich in der Alltagskultur festgesetzt, auch bei Menschen, die gar nicht in der Kirche sind. Weihnachten wollen sicher alle erhalten. Das wären aber nur zwei Tage. Ansonsten könnten alle Feiertage in bewegliche freie Tage umgewandelt werden.

Generell ist es aber so, dass man sich darauf einstellen muss, wie die Gesellschaft geprägt ist, in der man lebt und arbeitet. Und Deutschland ist eben christlich geprägt, und der Feiertag in der Woche ist Sonntag. Es ginge wohl nicht, den Freitag für die Muslime und den Samstag für die Juden zum freien Tag zu machen. Ich gehe davon aus, dass der Islam so tolerant ist, das zu akzeptieren. Wir können auch nicht freitags für das Gebet fünf Mal für eine halbe Stunde die Bänder anhalten. Schon gar nicht ginge das in einem Vollkonti-Betrieb. Da müsste die ganze Produktion herunter gefahren werden.