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Türkische Verbände über Pläne zu Deutsch auf dem Schulhof empört

28.02.2006

Stellungnahmen verschiedener türkischer Verbände zu Deutsch auf dem Schulhof

Türkischer Bund Berlin-Brandenburg (TBB)
Presseerklärung vom 23.01.2006
BERLINER TÜRKEN ÜBER VERBOTPLÄNE EMPÖRT

Die Berliner Türken haben auf die Pläne des Bildungssenators, Klaus Böger, andere Sprachen als Deutsch auf dem Schulhof zu verbieten, mit Empörung und Entrüstung reagiert, und auf Schärfste verurteilt.

In einer Stellungnahme des Türkischen Bundes in Berlin-Brandenburg forderte die Sprecherin des TBB, Eren Ünsal, den Schulsenator auf, Abstand von diesen Plänen zu nehmen. “Niemand, auch der Schulsenator oder ein/e Schulleiter/in darf eine Sprache verbieten! Es sei auch nicht nachvollziehbar, welches pädagogisches Ziel diese Maßnahme verfolge, so Ünsal. “Uns ist sicherlich bewusst, dass das Erlernen und Praktizieren der deutschen Sprache sehr wichtig ist, aber mit Verboten wird man das Gegenteil erreichen”, so Ünsal weiter.

Mit solchen Verboten bediene man ungewollt bestimmte Ressentiments in der Mehrheitsbevölkerung und trage sicherlich nicht zum friedlichen Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher Kulturen bei, so der TBB.

Der TBB forderte den Koalitionspartner auf, dieses Thema in die Koalitionsrunde einzubringen und seinen Einfluss geltend zu machen.

Dass über die Köpfe der Betroffenen hinweg Politik gemacht werde, habe den TBB noch mehr empört, zumal der Schulsenator bei solchen Entscheidungen in der Regel die Migrantenverbände in seine Planungen bisher miteinbezogen hatte.

Der TBB sei gerne bereit, über die Problematik zu sprechen und Vorschläge hierzu zu machen.

TÜRKISCHER ELTERNVEREIN IN BERLIN-BRANDENBURG
PRESSEMITTEILLUNG 25.01.2006
Deutschgebot - Sprachenverbot

Wir als Türkischer Elternverein in Berlin und Brandenburg setzen uns seit unserer Gründung ein u.a. für:

  • bestmögliches Erlernen der deutschen Sprache vor allem für SchülerInnen türkischer Herkunft
  • Mehrsprachigkeit
  • interkulturelle Öffnung der Schulen 
  • Akzeptanz der Kulturen

Das Verbot der Muttersprachen offenbart die Inkompetenz und Unfähigkeit des deutschen Bildungssystems.

Durch die Forderung im Berliner Schulgesetz (§ 4 Abs. 10) mit der Formulierung „Schülerinnen und Schüler nicht deutscher Herkunftssprache sollen unter Achtung ihrer ethnischen und kulturellen Identität durch den Erwerb und sicheren Gebrauch der deutschen Sprache sowie durch besondere Angebote (statt VERBOTE!!!) … gefördert werden …. „ wird unsere jahrzehntelange Arbeit in ihrer Richtigkeit und Wichtigkeit bekräftigt.

Das Verbot aller Sprachen außer der deutschen ist eine Missachtung des Schulgesetzes für Berlin (§15 Abs. 3), gleichzeitig ist es eine Aberkennung der im Schulgesetz verankerten Rechte der Kinder mit Migrationshintergrund und zugleich ein Verstoß gegen das Grundgesetz (§3Abs. 3) sowie gegen die europäische Menschenrechtscharta.

„In Berlin haben wir uns zum Ziel gesetzt, die Mehrsprachigkeit und interkulturelle Kompetenz bei allen Schülerinnen und Schülern zu fördern“. … , dass Toleranz erlernbar ist und dass gemeinsames Lernen voneinander notwendig ist.“ (Klaus Böger, Vorwort Interkulturelle Bildung und Erziehung, Handreichung für LehrerInnen)

Angesichts dieser Worte sind wir zutiefst bestürzt, wenn Sprachenverbote von unserem Bildungssenator befürwortet werden. Wir sind insbesondere empört, da Herr Böger sich mehrfach öffentlich im türkischen-deutschen Fernsehsender TD1 gegen solche Verbote aussprach, sie für pädagogisch falsch hielt und diese für gesetzeswidrig erklärte.

Offensichtlich wurde diese Vorgehensweise in der Schulkonferenz hinsichtlich ihrer Folgen nicht durchdacht. Das Verbot der Muttersprache wirkt sich auf den Erwerb der deutschen Sprache hemmend aus. Die Gewaltbereitschaft kann hierdurch keineswegs vermindert werden, wie von der Schulleitung beabsichtigt und behauptet. Denn: Emotionalität – bspw. in Streitsituationen – kann am besten durch die Muttersprache ausgedrückt werden. Wenn dies nicht möglich ist, wo soll die Aggressivität hin?

Durch jahrelange Elternarbeit ist es gelungen, den Eltern die Notwendigkeit der Beherrschung der deutschen Sprache für die Chancengleichheit in dieser Gesellschaft – mehr als zuvor – zu vermitteln. Die so gewonnene Bereitschaft der Eltern wird durch diesen Beschluss benutzt, ohne die möglichen Folgen eines solchen Eingriffs in die Persönlichkeitsentwicklung der Kinder zu verdeutlichen. Solche diskriminierenden Verbote schwächen das Selbstwertgefühl der betroffenen SchülerInnen, und führen so zu Misserfolgen, Aggressionen und letztlich genau dem Schulversagen, das verhindert werden soll. Der Türkische Elternverein in Berlin – Brandenburg tritt entschieden gegen eine kulturell und sprachlich gesäuberte Schule ein.

Angesichts der Ergebnisse der Untersuchungen der Sprachstandsmessungen, PISA, IGLU etc. wäre es unverantwortlich, tatenlos zu bleiben. Aber jetzt die falschen, diskriminierenden und beleidigenden Entscheidungen wie die vorliegende zu fällen, ist genauso unverantwortlich und gefährlich!

Wir warnen vor solchen Entscheidungen, die vorhandene Ressentiments in der Mehrheitsgesellschaft ungewollt bedienen! Herr Böger, der bestimmt bisher eine sehr engagierte Integrationspolitik betrieben hat, hat hier wohl vorschnell seine Zustimmung erteilt. Wir fordern ihn auf, die Schulen anzuweisen, alle Muttersprachenverbote unverzüglich aufzuheben!

Safter Çınar Vorsitzender

TÜRKISCHE GEMEINDE IN DEUTSCHLAND e.V.
STELLV. BUNDESVORSITZENDER Alişan Genç
Presseerklärung 24.01.2006

Schulen offener Gesellschaften fördern Sprachen, vor allem Muttersprachen. Verbotene Muttersprachen gehören an Schulen mit nationalistischem Bildungsauftrag

Ausreichende Sprachkompetenz in der Landessprache ist der Schlüssel für gesellschaftliche Integration. Die Förderung der deutschen Sprachkompetenz für Kinder mit Migrationshintergrund ist eine zentrale gesellschaftliche Bildungs- und Integrationsaufgabe. Wenn Landes- und Muttersprache unterschiedlich sind, sind sie gleichwertig und von gleicher Bedeutung für die Menschen. Recht auf die Muttersprache ist Grundrecht. Die Beherrschung der Landessprache ist Grundpflicht. Pflichten können nicht gefördert werden, indem Grundrechte verboten werden. Dies ist mit der Konstitution freier demokratischer Gesellschaften nicht vereinbar.

Das Verbot von Muttersprachen auf Schulhöfen wird nicht zu einem verstärkten Erwerb deutscher Sprachkompetenz führen. Es wird bei den Betroffenen zu Befremden, emotionaler Ablehnung und Ausgrenzung führen.

Verbot von Muttersprachen führt weder bei der Aufnahmegesellschaft zu mehr Integrationsangeboten noch bei den Einwanderern zu mehr Integrationsbereitschaft. Es ist integrationsfeindlich. Mutter- und Landessprache müssen gleichrangig gefördert werden, um bei Kindern mit Migrationshintergrund ausreichende Sprachkompetenz zu erreichen. Wer diese Kenntnisse ignoriert, redet Stammtischen das Wort und motiviert Populisten, diese Themen zum Nachteil gesellschaftlichen Friedens zu instrumentalisieren.

Wolfgang Thierse und Klaus Böger sind seriöse Politiker. Die TGD hofft, dass es sich bei ihrer Befürwortung des Muttersprachenverbots auf Schulhöfen um einen Ausrutscher handelt. Sollten sie aber ihre Aussagen aufrechterhalten, werden sie die Stammtische in dieser Frage rechts überholen und den Boden für Ressentiments gegen Einwanderer bereiten.

Die TGD fordert Herrn Thierse und Herrn Böger auf, zu einer seriösen und demokratischen Bildungspolitik zurückzukehren, auf Pädagogen und nicht auf Populisten zu hören.

Vereinigung Türkischer LehrerInnen und ErzieherInnen in Berlin und Brandenburg (TÜLEB)
26.01.2006
„Deutsch-Pflicht auf dem Schulhof“

Die Hilflosigkeit einiger Pädagogen, Lehrer und Eltern fand ihren vorläufigen Höhepunkt in dem Beschluss einer Hausordnung einer Berliner Schule, wonach auch außerhalb des Schulunterrichts das Sprechen aller anderen Sprachen außer der deutschen verboten sei.

Die Vereinigung Türkischer LehrerInnen und ErzieherInnen in Berlin und Brandenburg-TÜLEB e.V.- ist enttäuscht und bestürzt, dass diese Vorgehensweise vom Schulsenator Böger begrüßt wird. Damit hat der Vorgang eine völlig andere Dimension erhalten:

Ein Verbot der eigenen Muttersprache –außerhalb des Unterrichts- hat eine politische Dimension, die weit über die Bildungspolitik hinausgeht. Hier werden Grundrechte verletzt und deshalb sind alle demokratischen Kräfte aufgerufen gegen derartige Bestrebungen zu protestieren.

Die sprachliche Förderung und Integration von Migrantenkindern kann und darf in einer zivilisierten Gesellschaft nur durch geeignete pädagogische Maßnahmen in Schule, Kindergarten, Hort usw. erfolgen.

Bei allem Verständnis für die Lehrer und ihren Schwierigkeiten vor Ort muss klargestellt werden, dass ein Muttersprachverbot auf dem Pausenhof zum einen wenig geeignet ist das sprachliche Niveau der Kinder in dem gewünschten Maße anzuheben, zum anderen den Zielen der sprachlichen und gesellschaftlichen Integration entgegengerichtet sind. Die Verantwortung wird so von der Schule auf die Kinder in der Pause verlagert.

In der Zielsetzung der Richtlinien für den „normalen“ Schulunterricht hat die sprachliche Integration allenfalls einen maßgebenden Charakter, in der Umsetzung jedoch werden Pädagogen und Lehrer in Schulen und Kindergärten mit der Situation und mit den daraus entstehenden Problemen allein gelassen.

Im Schulalltag können die Lehrer unter den momentanen Bedingungen dieser Situation kaum gerecht werden. Eine zunehmend große Anzahl von Kindern nichtdeutscher Herkunft in den Schulklassen hat zu veränderten Lern- und Unterrichtsbedingungen geführt; unsere Schüler mit einer nichtdeutschen Muttersprache benötigen intensive konzeptionelle fachliche, pädagogische Begleitung im Schulalltag. Diesen zusätzlichen Aufgabenstellungen für Lehrer und Institutionen (Schule, Kinderbetreuungseinrichtungen) muss entsprechend Rechnung getragen werden.

Deshalb fordern wir populistischen/ engstirnigen und gefährlichen Tendenzen entgegen zu treten und stattdessen:
1. Gezielte Förderung der Kinder mit nicht deutschsprachigem Hintergrund
2. Gezielte Fortbildungen für Pädagogen und Lehrer für diese Aufgabe
3. Bereitstellung einer ausreichenden Anzahl von Pädagogen, Sozialarbeiter und Lehrer für die sprachliche Integration von Kindern nichtdeutscher Herkunft.

 

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